Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 13 (26.3.1841)
- Date
- 1841-03-26
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Auch im Tolei, wo IS Familien wohnen, ist ein Lehrer des Elementarfaches thätig. 3) Kr. Saarbrücken. Hier ist für jetzt nichts weiter zu bemerken, als daß die christliche Gemeinde den Juden einen Thcil ihres Friedhofes cingeräumt hat. 4) Kr. Saarlouis. Hier ist seit kurzem durch die Vorsteher Joseph Mayer und Emanuel Rouff, Sohn, manche Verbesserung durchgeführt. Das Wichtigste ist ein „Verein zur Unterstützung des Handwerks und Ackerbaues," dessen Mitglieder zugleich sich zur Belehrung über Bibel und jüdische Literatur versammeln. Der würdige und kenntnißreiche Lehrer, Herr Levy, hält jeden Sabdath Vorträge, worin er den Mitgliedern das Wissenswerthe erklärt. Man hält zu diesem Ende die Zeitschriften und schafft die neuesten Erscheinungen dieses Faches an, welche unter den Theilnehmern circuliren. Das treffliche Streben findet bei der Humanität der Civil- und Militärbehörden wie der Geistlichkeit gebührende Anerkennung und jeden erwünschten Vorschub. In Wallin gen, wo 30 Familien wohnen, trifft man eine schöne, und eine gute Schule, welcher Herr Lewvsohn versteht. — Joseph Kahn. Liter atur. Zwei Predigten von vr. Samuel Hold heim. 1) Antrirrspredigt bei seiner feierlichen Jntroductivn als Großh. Mecklenb. Landesrabbiner in Schwerin (gehalten 19. Sept. 1840, erst gegen Ende des Jahres erschienen). 2) Jakob und Israel (gehalten 12. Dec. 1840). Des Holdbeim's Reden haben, wie wir schon früher zu bemerken Gelegenheit hatten, eine zwiefache Bedeutung. Abgesehen von ihrem Zweck als Predigten nimmt derVerf. oft Anlaß, sowohl über die allgemeiner» inner» Zustände, als über die Verhältnisse der Gemeinde zur Außenwelt ein gewichtiges Wort zu sprechen; und wir glauben, daß sie dadurch viel Gutes stiften. Gerade von den Rabbinen kann auch am mcistem zur Verständigung über so viele inhaltsschwere Fragen beigetragen werden, sind es ist erfreulich, daß unter den vielen Zaghaften, die lediglich ihres Amtes in engem Kreise pflegen, oder gar müßige Repräsentanten bleiben, ein Mann von Geist das Wort freier handhabt und in die Welt hinaussendct, um die todte Masse anzuregcn und zur kräftigen Entwickelung zu beleben. — Was jman in einer Antritts predigt zu erwarten habe, weiß oder ohne nähere Nachweisung; dennoch enthält die gegenwärtige auch in den angegebenen Beziehungen bedeutsame Winke. Wir setzen folgende Stelle daraus hiehcr: „Ein Anderes war es, in einer einzelnen Gemeinde das heilige Lehramt zu führen, ein Anderes aber ist es jetzt, wo mir in so vielen Gemeinden das Geschäft der sittlichen Veredlung und der religiösen Bildung zur Aufgabe gestellt, ein Brachfeld zum Anbau überwiesen worden ist, das eine lange Zeit einem Thale Ethan glich, das nicht bestellt und nicht besäet, nicht gepflügt und nicht bearbeitet wurde. — Ein anderes war es, in einer von jeder höher» Beaufsichtigung ausgeschlossenen und in Rücksicht ihrer k i r ch l i ch c n Verhältnisse sich selbst überlassenen Gemeinde das ohne äußere Verpflichtung, weil ohne Verantwortung, ohne Aufmunterung, weil ohne Anerkennung, vereinsamt und verwaist stehende Lehramt zu verwalten; ein Anderes aber ist es jetzt, wo von der höchsten Staatsgewalt mir ein Amt «»vertraut ist, das, nach einem weisen Plan und Vorsatz, auf das ewige Heil wie auf die zeitliche Wohlfahrt ihrer israelitischen Ünterthanen, nicht nur bei dem gegenwärtigen Geschlechte, sondern auch bei dessen spätesten Nachkommen einen entschieden wohlthätigen Einfluß üben solle. Da ist es wohl nicht unnatürlich wenn in das Gefühl der reinen Freude auch manche trübe Besorgniß sich mischet, die freudige Erhebung meines Geistes von so mancherlei Zweifel und Bekümmcrniß herabgedrückt wird. Und kommt noch die Betrachtung hinzu, wie schwierig und bedeutungsvoll die Stellung des geistlichen Führers in Israel m unfern Tagen sich gestaltet, wo es nicht mehr genügt, wie es ehedem wohl der Fall gewesen, daß der Volkslehrer seine ganze Zeit und seine ganze Thätigkeit dem emsigen Suchen und Forschen in der Gotteslehre weihen, und die Ergebnisse seiner Forschung erst dann zum Nutzen und Frommen der seiner geistlichen Pflege Befohlenen verwenden solle, wenn gerade das Leben eine Entscheidung für den Augenblick von ihm verlangt, sondern wo es als ein wohlbegründetes Bedürfniß, nicht nur der Zeit, sondern der Religion, anerkannt und festgestellt ist, daß der Volkshirt allein und jedwedem religiösen Bedürfniß des Geistes und Herzens vorangehen und zuvorkommen, daß er, ein treuer Wächter im Weinberge des Herrn, „ein Wächter Israels, der nie schläft und nicht schlummert," mit seinen Belehrungen des Göttlichen unablässig auf Geist und Herz einwirken, und durch Verbreitung gemeinnütziger, in der Religion wohlbegründeter Lehren der höher» Sittlichkeit dem Hungrigen das Brod des Himmels und dem Durstigen das Wasser des Lebens freigebig und unaufgefordert darreichen undein religiöses Leben im Geiste erzeugen, fördern und erhöhen soll; so werdet Ihr das Gefühl der Bangigkeit, dessen ich mich kaum erwehren kann, als eine natürliche Folge der Empfindungen betrachten, die jeden, der nicht seine Kräfte überschätzt, bei der Uedernähme eines so schweren Berufes erfüllen müssen. Und erwägt man noch, welche abweichende und so sehr einander widersprechende Ansichten und Meinungen über Wescn und Form, Ewiges und Zeitliches, Göttliches und Menschliches, Vergängliches und Bleibendes, Veränderliches und unverrückbar Feststehendes iir unserer heiligen Religion das heutige deutsche Israel erfüllen und bewegen, und wie aus dieser Verschiedenheit der Ansichten über die Religion eine Verschiedenheit der Anforderungen und Ansprüche an deren geistlichen Vertreter naturgemäß erwachsen muß; wie die Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen, die man von seinem geistlichen Wirken sich macht, oft einander gerade entgegengesetzt sind, daß sie alle zu erfüllen unmöglich, und selbst den Gemäßigten und Besonnenen zu entsprechen durch mancherlei Umstände so sehr erschwert ist; daß die Einen den geistlichen Hirten unserer Zeit mit demselben heiligen Gewände der Autorität der ältesten Radbinen der Vorzeit bekleidet wissen wollen, kraft deren er befugt und berechtigt sein soll, überall nach dem geistigen Kern der höhern sittlichen Jdeeches Jsraelitenthums zu graben und nach dem belebenden Geiste der Lehre zu forschen und diesem allein Geltung und Anerkennung in Israel zu verschaffen, die Andern dagegen von ihm, als dem jüngsten Sohne längst vergangener Geschlechter, Gehorsam, unbedingten und blinden Gehorsam gegen den Buchstaben aller Satzungen seiner Väter fordern, und seinem Geiste nur so viel cigcnles Leben und Bewegung gestatten, als zur Ermittelung alles dessen, was aus dem Buchstaben nach buchstäblich vorgeschriebener Folgerechtigkcit sich folgern läßt, erforderlich ist; wo die Einen in chm den Sohn der Zeit, den heißersehnten Erlöser und Befreier aus der Fessel mittelalterlicher Satzung ) begrüßen, die Andern in ihm den Mann erwarten, der mit kräftigem Arm und mit b eredter Zunge den aus seinem Bette getretenen Strom der Aufklärung in seine natürlichen Ufer der religiösen Verbindlichkeit cindämmen wird; wenn man dies alles bedenkt, und die örtlichen Schwierigkeiten noch hinzurechnet, werdet Ihr mich gewiß nicht einer falschen Bescheidenheit beschuldigen, wenn ich, wie so viele mit mir, mit dem göttlichen Moses ausrufe: Wie werde ich alle die Lasten und Mühen dieses schweren Berufes tragen können!" (Schluß f.) Druck und Verlag von Johann David Sauerländer in Frankfurt am Main.