Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 13 (26.3.1841)
- Date
- 1841-03-26
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 schaft des Prinzips, das vielmehr immer noch den untergeordneten Rücksichten weichen muß, sondern nur das qualitative und quantitative Verhältniß der von ihm innerhalb des letzten Jahrzehnts beobachteten Fortschritte der moralischen Kraft und der intellektuellen Bildung. So ehrenwerth aber diese öffentliche Anerkennung erscheint, und so sehr sich die Berliner Gemeinde eines solchen Zugeständnisses erfreuen darf, so möchten wir doch nicht, daß die Gesetzgebung überall diesen Maßstab anlegte, um danach zu bemessen, wie viel oder wie wenig des Rech-- tcs zu ertheilen sei; denn gälte dieser Maßstab durchweg, was für Recht käme dann wohl der unter allen andern Völkern größer« Masse derer zu, die ihre Freiheit nickt zu gebrauchen verstehen. Es war in der früher« Ansicht des Schreibenden eine Prinzipfrage, die hier natürlich übergangen ist; indem dort ausdrücklich in dem jüdischen Bekenntnisse das Staatsfeindliche gefunden ward. Dieser Punkt erscheint hier als beseitigt, aber wiederum nicht aus dem Prinzip, sondern aus der persönlichen Erfahrung, Laß derselbe in Praxi bei einer bedeutenden Anzahl nicht die gefürchtete Wirkung äußere. Wir aber müssen wünschen, daß geradezu der Grundsatz ausgesprochen werde, daß auch die vollefte Annahme der reinen mosaischen Lehre durchaus nicht den Bekennern Elemente einpflanze, die sie vom Staatsleben ausschließen; und sobald dies einmal feftfteht, bedarf es der numerischen Beweise nicht mehr. So lange man sich auf diese einlassen muß, hat der Widerstreit kein Ende. Wie wichtig aber diese Betrachtungsweise sei, ersieht man aus der Clausel, welche auch hier wieder nothwendig befunden worden, indem auch jetzt noch gesagt wird, die Emanzipation sei nur in so weit heilsam für den Staat, als durch sie nicht rief eingewurzelte Vorurtheile allzusehr verletzt werden. Was sind denn Vorurtheile? Sckattengebilde, die im Volke gespenftcrhaft herumschwirren und die Unverständigen schrecken oder wohl gar zu Thorheiren verleiten. Diese sollen der Intelligenz der Gesetzgebung imponiren? Auf welcher Stufe der Civilisation stünden wir jetzt, wenn die Vorurtheile die Hand der Themis oder der Minerva geleitet hätten! War es etwa diese Rücksicht, welche die Autos da fe, die Ordalien abgeschafft? welche die Erde in Bewegung gesetzt hat? Waren es die Vorurtheile, welche die Pocken-Jmpfung befördert haben, gegen die noch ganze Nationen sich sträuben? Waren sie es, aus denen die unberechenbaren Fortschritte der Physik und der heutigen Industrie hervorgingen, die noch immer, wo nicht der äußere Vortheil auf der Hand liegt, jeden Fußbreit neuen Bodens erst erobern müssen? Und was erst sind tief eingewurzelte Vorurtheile? Wo sind diese Wurzeln? Woran erkennt man sie? — Kein Staat in der Welt hatte die Juden ärger mißhandelt und verfolgt als Frankreich und England (denn in Spanien war es lediglich der religiöse Fanatismus); in keinem Lande harte man sie tiefer erniedrigt, und gesetzlich so tief herabgcwürdigt, wie dort, — und gewiß kann man sagen, daß wenn das Vorurtheil des Volkes gegen sie eine feste Wurzel hat, diese in Frankreich fester saß als irgendwo; und — vor einem Hauche verschwand dieses Vorurtheil und erwies sich als nichtig. In England sind allgemeine Vorurtheile gegen jede j Acnderung der Gesetzgebung, und die Juden, wie | sehr auch im Einzelnen achtbar, stehen als Masse 1 noch in der Würdigung des Volkes auf der untersten I Stufe; dennoch ist gerade dieses Volk, so wie vom Gesetz die Rede ist, weit über dieses untergeordnete Vorurtheil hinaus. Die Auftritte des vorigen Jahres (und leider schon wieder des gegenwärtigen!) haben uns gelehrt, was tief eingewurzelte Vorurtheile, wenn man sie anerkennt, für Unheil stiften, und nach der obigen Clausel hätte Scherif Pascha den Dank seiner Regierung verdient, weil er sich den rief eingewurzelten Vorurtheile« des Volkes gefügt hat. Man sage nicht: daß Ließ Barbarei sei. Haben ja selbst französische Minister diese Barbarei nicht als solche angesehen, vielmehr behauptet, es sei Lies die Landessitte, nach welcher jeder Einheimische gerichtet werden müsse. Wen im Orient die unverdiente Baftonade oder glühende Zange schmerzt, den schmerzt in unfern Ländern tiefer und länger die unverdiente Zurücksetzung, das Hinfterben ohne Ucbung des angeborenen Berufes, die Lähmung der Hand, welche die Kunst erheben, die Erschlaffung des Armes, welcher das Schwert führen könnte! Und wie viel Spielraum ist da übrig gelassen, wo jeder Schritt der Gesetzgebung vor eingewurzelten Vorurtheilen zurückbebt? Das ächte unbestrittene Eigenthum muß dem Expropriationsgesetz weichen, und die Schatten eines thörichten Volkswah-