Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 49 (4.12.1840)
- Date
- 1840-12-04
- Page
- Seite 412 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Uchen Melodie gesetzt; sie ist hier beigefügt. Das Gebet nach der Predigt (Nr. 23) trägt dieselben Mängel, wie mehrere frühere, es mischt die Metaphern unter die aller prosaischste Prosa, so baß sie sich seltsam ausnehmen, oft auch als orientalisch gar nicht in unsre Sprache passen, sobald diese aufhört, den biblischen Ton zu behaupten. Wir kennen die große Schwierigkeit, mit welcher der Verfasser solcher Gebete zu kämpfen hat, aber wir wissen auch, daß sie, wenn die Feile gehörig angesetzt wirb, wohl überwunden werden können. — Das Bußgebet 24 ist meist gut, gereimt ohne Metrum, wiedergegeben; in dem Sententiösen erträgt man schon einige Inversionen, wie V. 18: Auf Weisheit nur, wenn steht sein Trachten, Sie wird un Alter bei ihm übernachten. Die folgende: „Heiligung" ist schön nachgeahmt, besonders scheint uns Nr. 3 (mit Ausnahme einiger Wörter, wie Lobesgaben, Redegaben,) den rechten Ton zu treffen; alle übrigen Stücke dieses Ganzen sind recht gut ausgedrückt. — Recht salbungsvoll finden wir das Gebet nach dem Vorlesen der heil. Schrift, sehr angemessen der Feier und ihrer Symbolik. — Auch die zweite „Heiligung" Nr. 28 sehr ftci übertragen (und mit Recht abweichend vom Urtext), macht einen guten Eindruck, obwohl wir wiederum die Feile vermissen Z. B. 109. „Gedenke des Erbtheils, das du dir zu geeignet;" „unwandelbar mögen sie dich umgeben." Kräftiger und stärker gefärbt ist das Gebet Nr. 29, eine Art Zusammenstellung biblischer Ideen und einheimischer Bilder. Die Seelenfeier ist wohl erwogen und zweckmäßig gut durchgeführt. Zm Innern dürfte sich noch manches klarer ausdrücken lassen. So S. 113. „Ein zahlloses Heer stummer Geschöpfe :c." sagt nicht recht, was hier gemeint sei. Auch das ähnliche: S. 116. „Eine Schaar von Hindernissen umgiebt Sichre." wirkt störend. Weiterhin: „eine Schaar von Sorgen" und „.die Uebel umstehen deine Wiege;" „den Würmern und Motten" ist wohl auch nicht angemessen. Wir wundern uns sehr darüber, daß hier Spreu männlich genommen wird; ist das ein Provinzialism? „Und der Spreu, den der Sturm verweht, der Sturm kann ihn nicht vertilgen rc." Andere Stellen sind auch tadelnswerth, z. B. „der Leib aber, die sinnliche Natur wenn Herr wirb (er? oder sie?) so richtet er sich und die Seele zu Grunde." Wozu dient solch geschraubte Wortfolge? Die für den Nachmittagsdienst folgenden Bußgebete rc. find gut versificirt; die prosaischen entsprechen ihrem Zwecke recht gut. Was wir mit dieser vielleicht zu umständlichen Kritik beabsichtigen, ist, erstlich dem Herrn Verfasser, welcher so fleißig dieses bisher so öde Gebiet anbaut, unsre Achtung zu beweisen, welche durch einige Ausstellungen an seiner Arbeit gewiß nickt vermindert worden; dann aber darauf aufmerksam zu machen, daß Gebete, weil sie auf bleibenden Gebrauch berechnet sind und jeder Ausdruck mit der Zeit eine Helligkeit empfängt, welche jeder Aenderung widerstrebt, der sorgfäligsten Durchsicht'bedürfen, ehe man es wagen kann, sie der Oeffentlickkeit zu übergeben. Wir hegen die Uederzeugung, daß schon jetzt der rüstige und kennwißreiche Bearbeiter obiger Sammlung manche Schwächen erkennen wird, die wir nur theilweise angedeutet haben; somit muß schon die bereinstige zweite Auflage vieles umschaffen. , Möge diese bald nölhig werden, und noch mehr Gediegenes liefern, als das viele Treffliche welches schon die Sammlung ziert! _ Der Geist der thalmudischen Auslegung der Bibel. Von 0r. H. S. Hirschfeld. Erster Theil. (Fortsetzung.) Richtig sagt der Verf. S. 8. § 9 „er habe die Exegese des Thaimudsj, als ein historisches Moment, dessen Nothwendigkeit in der Enthaltung und Entwickelung des jüdischen Nationalledens begründet ist, ohne jeden kritischen Vergleich für sich allein zu begreifen und zu behandeln sich bemüht." „Er habe den Geist selbst darstellen wollen, und das Zufällige und Unwesentliche davon gesondert." „Selbst einzelne Anomalien haben an der Grundidee nichts geändert." Die Exegese des ThalmudS (offenbar hierin dem Sinn: die Methode desselben, die Schrift als Quelle der Gesetze anzuerkennen) habe aber wiederum ihre Geschichte, da sie allmählich entstanden sei, diese aber könne, erst nach genauer Betrachtung der Frucht erkannt werden. Was wir für den Autor allenfalls, für die Theorie aber keineswegs zugeben möchten. Denn es ist sehr gut denkbar und bei historischen Entwickelungen fast der einzig richtige Weg, daß die Idee anfangs in ihrer ursprünglichen einfachen Wahrheit vorgeführt, und dann gezeigt werde, was die Umstände und Verhältnisse ihr allmählich für eine Gestaltung gegeben haben. Herr Hirschfelb dagegen sieht die ausgebreitete Idee in ihrer ganzen Breite, nachdem anfänglich (wann aber?) § 11 die Individuen darauf gekommen waren, ihre Zeitansichten gleichsam poetisch in das Bibelwerk einzutragen, was einen Lebensproceß hervorgerufen habe, dessen Vollendung der Thalmud sei, indem nun niemand mehr darüber hinauszugehen wagen dürfe. Wie diese Beschränkung, bicses eigentliche Abschließen einer Geschichte gekommen sei, versucht § 12 zu ermitteln. Indessen ist die Frage vor allem: Wo ist die Urkunde einer solchen Abschließung? und wenn sie da wäre, wo ist deren Autorität? Wer kann der Geschichte gebieten, stehe still? Selbst der strenge Abschluß der mosaischen Gesetze konnte nicht beobachtet werden, wie viel weniger die angehäufte Menge des Thalmuds? Je detaillirter ein Gesetz, desto mehr muß es veralten. Es ist demnach bloß das Factum der entstandenen Sammlung die einzige Thatsache, aber die Nothwenbigkeit des Abschließens ist, glauben wir, nur in zufälligen Nedenumständen begründet. So viel ist richtig, daß der Unterschied zwischen Gesetz und Tagesphilosophie, wie § 12 auseinanbersetzt, frühzeitig bestand, baß die Entwickelung der Gesetze aus der heil. Schrift viel strenger und schulgemäßer sich erhalten hat, als die Nachweisung ethischer Prinzipien und Lehren, die jedem frei stand nach eigener Ansicht zu behandeln, und daß es gerechtfertigt erscheint, den Geist beider Formen der Exegese gesondert durchzunehmen. So weit die Einleitung. Einige Quellen werden S. 16 angegebene Plülo wird als die erste, noch sehr unergiebige, nachgewiesen, dann folgen die Mischna und der Thalmud, so wie einige Sammlungen und literarische Hülfsmittel. Wir hätten doch gemeint, daß die Apokryphen und das Neue Testament nicht ganz übergangen werden durften. Nunmehr schreitet der Verfasser zur Schilderung seines Themas, welches er auf jeden Fall nur so betrachtet, wie er oben beschrieben, nämlich das ganze Object, die Bibel in der Art wie sie dem Thalmud, (welches doch wohl sagen will, dem ganzen Corpus der darin bisputirenden und discutirenden Gelehrten der Idee nach gleichmäßig erschienen ist), ferner den Inhalt, den diese Anschauung in ihrer Ueberzeugung haben mußte, und die Art wie dieser Inhalt an dem Objecte sich zeigen ließ, also die Interpretation. Ob also das Ganze reale Wahrheit habe, oder aus einem irrigen Begriffe vom Inhalt hervorgegangen sei , bleibt ununtersucht. Was wir demnach hier erhalten, ist nur die wissenschaftliche Nachweisung der innern Consequenz dieser Exegese. Wie diese geschieht, werden wir, dem Vf. folgend, weiter darstellen. (Fortsetzung folgt.) (Druckfehler.) S. 402 ist der Name Dr. Heilbut zu lesen. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer in Frankfurt am Main.