Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 33 (14.8.1840)
- Date
- 1840-08-14
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 und beschließt ferner: 5) Sofort eine Subskription zur Unterstützung seiner Zwecke zu eröffnen und den gesummten Er> trag dem Herrn Lionel von Rothschild zur Verwendung für dieselben zu übersenden; endlich auch 6) den obigen Resolutionen zur Vermeidung jeder falschen Auslegung die größtmöglichste Oeffentlichkeit zu geben. Wir bemerken schließlich, daß die Gelehrten, welch^ aus London mirgereift sind, sich besonders mit der zweckmäßigen Verwendung der Gelder befassen werden, auch daß Prämien auf die Ermittelung der wirklichen Verbrecher ausgesetzt worden sind. — Getreues Bild von der Beschaffenheit der Israeliten in Podlesie, Lithauen und Reußen. Don einem Einheimischen. (Fortsetzung.) Als ich in Wilna eimrat, konnte ich mich eines eigenthümlichen Gefühls nicht erwehren bei'm Anblick einer so stark bevölkerten Stadt, deren bedeutendste Bewohnerschaft Israeliten sind! Wahrlich , Napoleon hatte nicht Unrecht, wenn er bei seiner ersten Anwesenheit in Wilna sagte: „er glaube in Jerusalem zu sein." —Das Viertel, in welchem hauptsächlich die Juden wohnen, hat enge und schmutzige Straßen, und ist im Laufe der Woche mit Menschen angefüllt. Auf der sogenannten Judenstraße ist es kaum möglich, sich hindurchzudrängen, so dicht wogt stets die Masse. Der Handel blüht dort außerordentlich, und man findet im Allgemeinen Wohlstand. Nachgerühmt muß den Wilnaern werden, daß sie äußerst gurmüthig, wohlthätig und freigebig sind, während man in andern Orten Lithauens öfters eine gewisse Härte antrifft. — Das ununterrichtete Volk ist sehr leichtgläubig , und es gehört gar nicht viel dazu, ihnen die augenscheinlichsten Unwahrheiten aufzubinden, so daß sie jeder Art von Aberglauben zugänglich erscheinen. Hiervon ein kleines Beispiel. Vor etwa vier Jahren kam dahin ein Mann aus Nowohrdik, welcher an der Unterlippe eine Geschwulst hatte. Vergeblich wandte er sich an die geschicktesten Aerzte. Nach einigen Tagen, die er sehr mißmuthig zubrachte, erscheint ihm während des Mittagsschlafes sein Vater im Traume, hält ein Kraut in der Hand, berührt damit die kranke Lippe, und spricht: Damit heile ich dich! Nimm dies Kraut hin! — Vor Schreck erwacht der Kranke, sinder sich zu seinem Erstaunen von seinem Uebel bis auf die letzte Spur befreit, und neben ihm liegt das im Traume gesehene Kraut! — Ueber dieses Wunder gerieth die ganze Stadt in Bewegung. Tausende liefen herbei, um es zu sehen, und alle überzeugten sich von der Wahrheit! Ich mag das Factum, daß der Mann plötzlich durch die Natur selbst von seinen Leiden befreit worden, nicht in Abrede stellen, denn die Sache wird von zu vielen Zeugen bestätigt, aber was Traum und Kraut betrifft, ist wohl ein bescheidener Zweifel erlaubt, obwohl Einer mir die heilige Versicherung gab, er habe selbst das Kraut gesehen! Möglich, aber was für ein Kraut war es? —Trotz der offenbaren Myftification haben doch sehr viele Wilna er die Geschichte so ernstlich geglaubt, daß sie dieselbe weit und breit in Briefen bekannt machten. — Die große Leichtgläubigkeit hat ihren Grund in der Liebe der Wilnaer zum üppigen Leben, und auf sie paßt geradezu was Schiller von den Italienern sagt, in dem Abschnitte: die Niederlande unter Carl V., wo er nämlich zeigt, daß die vorherrschende Sinnlichkeit, auch im Glauben und in kirchlichen Gebräuchen ihre eigene Befriedigung sucht, und dann mehr Bildern der Phantasie als nüchterner Forschung folgt. Das jüdische Hospital zu Wilna gehört zu den merkwürdigsten Anstalten in seiner Art, und ist darin für die Kranken auf eine vortreffliche Weise in allen Beziehungen gesorgt. Es hat große Einkünfte, welche von einer zahlreichen Menge getreuer Beamten mit frommer Sorgfalt verwaltet werden; außer den gewöhnlichen Einnahmen wird sehr vieles freiwillig gespendet. Die Gemeinde hat mehrere hundert Schulen (wohl nur für hebräisch?), eine sehr große und prachtvolle Synagoge, in deren Hofe eine herrliche Wasserleitung ist. — Der Sekte nach sind die meisten biblische oder rabbinische Juden; Sohariten- (Pietisten) giebt es kaum gegen hundert. Gelehrsamkeit (d. h. rabbinische)