Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 22 (29.5.1840)
- Date
- 1840-05-29
- Page
- Seite 196 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Briefe über Volksschriften. 1. März 1840. So entbehrlich scharfe Kritiken in einem nicht bloß für Gelehrte bestimmten Blatte sind, und so gern wir Ihr sehr günstiges Urtheil über S. Krämer's: „Schicksale der Familie Hoch," Dinkelsbühl. 1839, unterschreiben, scheint eS uns dennoch nicht unangemessen, auf dasselbe noch einmal zurückzukommen, und werden Sie hoffentlich diesen Bemerkungen in Ihren Annalen einen Platz gönnen. Denn ist es einerseits bei vielen gebildet sein Wollenden noch immer Mode, auf literarische Bestrebungen, die Las größere Publikum zu ihrem Objekte haben, vornehm herabzusehen, und somit ein wiederholter Versuch, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, keineswegs überflüssig, so verdient andererseits diese Literatur um so eher ein besonderes Augenmerk, als sie eine ausgedehnte Wirksamkeit prätentirt, und bei uns noch in ihrer ersten Kindheit sich befindet. Namentlich fehlt es uns noch zur Zeit an unterhaltend-belehrenden Volksschriften. Desto wärmerer Dank und desto mehr Ermunterung gebührt dem Herrn Verfasser, der sich in diesem Fache mit so vielem Glücke und Geschicke versucht hat. Diese kleine Schrift, eine Schilderung des jüdischen Lebens in der nächst verflossenen Zeit enthaltend, ist in der That eben so gehaltvoll und mannigfach lehrreich, als durch die Einkleidung in eine fortlaufende Geschichte interessant und anziehend, und es offenbart sich darin durchweg ein gesunder religiös-moralischer Sinn und eine wichtige Auffassung und Würdigung des Lebens und seiner Verhältnisse. Doch will es uns bedünken, daß sie für ihren reichen Inhalt zu kurz sei. Allerdings eine seltsame Ausstellung in einer Zeit, wo die meisten belletristischen Erzeugnisse an hohler Weitläufigkeit leiden, die durch eine künstlich gestellte Phraseologie mit eitlen Deklamationen und Meditationen nur mit Mühe gedeckt wird. Da hier jedoch meistens Verhältnisse geschildert werden, die im Hinschwinden begriffen, und einem großen Theil des jüngern, selbst jüdischen Lesepublikums schon fremd sind, so wäre eine weitere Ausführung und Illuminirung der einzelnen Parthien am rechten Orte gewesen, und wurde dem Ganzen mehr Lebendigkeit und Anschaulichkeit gegeben und dessen Eindruck erhöhet haben. Indessen ist die Exposition trefflich gelungen, und läßt sich den Scenen, so weit sie in Deutschland spielen, innere Wahrheit und eine gute, naturtreue Haltung nicht absprechen; dagegen sind die Auftritte in Griechenland und Afrika nicht bloß zu romanhaft, sondern ermangeln selbst zum Theil der Klarheit und strengen Eonsequenz. Dies erstreckt sich auf ganze Charaktere. Wie herrlich ist z. B. der Charakter des bei aller Einseitigkeit biedern und ächt frommen R. Hesekiel gehalten und durchgeführt! Von Ben-Israel hingegen, den doch der Dichter weit höher stellt und mit einem vielseitigen Blicke und reicher Erfahrung ausstattet, bekommen wir kein klares Bild. Eben so bleibt Rccha trotz der Lobeserhebungen, die ihr ertheilt werben, eine uns fremde Person, wahrend Ra Hel, die simple aber sanftmüthige und verständige Hausmutter, unser ganzes Herz gewonnen, und selbst Di näh, eine uns werthe Bekannte geworden. Nicht gehörig motivirt scheint uns die Desertion Simsons, durch die seinem Charakter ein neuer Flecken angeheftet wirb, so wie der Umstand, daß Hesekiel so lange von seinem ältern Sohne ohne Nachricht und Unterstützung bleibt, den der Verf. freilich braucht, um eine frappantere Auflösung herbeizuführen. Nach dem Gesagten glauben wir uns also zu dem Urtheile berechtigt; daß unser Autor in seinem Werke bald Dichtung, bald Wahrheit gebend (Vorr. S. ix.), in dieser sich weit starker zeigt als in jener. Als einen wesentlichen Fehler müssen wir es bezeichnen, daß der Hauptheld (David) ein — Ab ent heu rer ist. Er gehört keinem bestimmten Stande an, hat keinen bestimmten Beruf, scheint auch kein Verlangen nach einem solchen in sich zu fühlen, er geht, nachdem er das Kraft'sche Haus verlassen, und eS ihn drängt, sich in der Welt ein Bischen umzusehen (S. 69), ohne zu wissen „wohin?" es treibt ihn hinaus, „um ein Feld für ein großes Wirken zu finden" (S. 120), ohne zu wissen „was für eines?" er erlangt nach langem Suchen und vielen bittern Erfahrungen in einem andern Welttheil ein anständiges Unterkommen, ohne zu wissen, „wie so?" wird aus einem Thalmudbeflissenen ein Hauslehrer, dann ein Landstreicher, endlich ein Handlungsdiener und zuletzt durch eine Heirath ein reicher Mann. Daß diese Skizze auf so viele Israeliten unsrer Zeit paßt, ist eines der ärgsten Gebrechen, der am tiefsten liegenden Nebel in unfern Gemeinden, die einem großen Theile nach aus Emporkömmlingen (Glückskindern) und Herabgekommenen (verunglückten Reichen) bestehen, 2 Klassen, die, so entgegengesetzt sie scheinen, in ihren ungemessenen Ansprüchen, ihrem eitlen Streben, ihrem dünkelhaften karikirten Wesen, in der Ungeschicklichkeit, sich in ihre Verhältnisse zu fügen und denselben gemäß zu leben und aufzutreten, häufig einander gleich kommen. Darum ist es nicht zu rechtfertigen, wenn durch die Vorführung von Beispielen, wo das Sichhinauswagen in die Welt ohne ein festes Ziel mit einem glücklichen Erfolge gekrönt wird, dem blinden Vertrauen auf Glück Nahrung gegeben wird. Ein einziges Muster dieser Art blendet und lockt die Menge mehr als das Elend von hundert Andern sie abschreckt, und die traurige Lage, in der unser Held in Frankreich sich befindet, wirb um so weniger ernstliches Nachdenken veranlassen, da er sich nicht anklagt, vielmehr behauptet, „sein Schicksal nicht selbst verschuldet zu haben" (S. 122), Unglück aber wird eben so gut durch Thorheit wie durch Laster verschuldet. Das Handwerk hingegen, dem doch der Verf. bas Wort spricht, wird zu sehr in Schatten gestellt, und Simsons Leben und Begegnisse auf der Wanderschaft, die allerdings trefflich und der Wahrbeit gemäß gezeichnet sind, dürften viele Eltern in ihrem Vorurtheile gegen diesen Stand bestärken. Wir begreifen gar wohl, daß cs dem Verf. eigentlich darum zu thun war (wie er es auch ausdrücklich sagt), zu zeigen, wie tief der Iün.gling ohne feste religiöse Grundsätze, dessen ganzes Iudenthum in einer Masse von unverstandenen Gebräuchen bestehet, sinken kann und muß, sobald er von der gewohnten Weise gewichen, sehen auch ein, daß der jüdische Handlungsdiener in unfern Tagen vielleicht nicht weniger Versuchungen ausgesetzt ist, als der Handwerksbursche, fürchten aber, daß die Wenigsten, für welche bas Buch bestimmt ist, die rechten Folgerungen daraus ziehen werden, und hätten jedenfalls das Beispiel eines Gesellen, der durch die Kraft besserer Grundsätze den lockenden Verführungen widerstanden, daneben gewünscht. Diesen Mängeln wirb sich jedoch in der Fortsetzung, die wir zu erwarten haben, und in der wir uns, da sie in Deutschland und in der neuesten Zeit handeln soll, bei dem richtigen Blicke des Hrn. Verf. etwas Gediegenes versprechen, leicht wieder abhelfen lassen, und das ist es, was wir mit diesem Rügen vorzüglich bezwecken möchten. Schließlich wünschten wir, daß bei diesen und ähnlichen Schriften mehr Sorgfalt auf die Correktur verwendet würde. K. Beantwortung. Ich vernehme, daß öffentliche Anfragen über wissenschaftliche Punkte in auswärtigen Blättern an mich ergangen sind. Näheres darüber ist mir unbekannt. Da ich nicht alles lesen kann, was jetzt erscheint, die Fragenden aber sehr leicht meine Addreffe erfahren können, so stelle ich jedem anheim, sich portofrei an mich zu wenden. Sollte der Gegenstand wichtig genug sein, so wird in diesen Blättern Antwort erfolgen, wo nicht, privatim. Auf anderweitige Anfragen aber werde ich niemals eingehen. I. M. Jost, vr. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer in Frankfurt am Main.