Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 11 (13.3.1840)
- Date
- 1840-03-13
- Page
- Seite 100 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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100 mancherlei Art, worunter sich besonders die Jüngern auszeichnen, die ihre Lehrzeit mit dem besten Erfolge überstanden und sich nun, nach zurückgelegter Wanderzeit in der Heimath etadlirt haben. Das Thalmud-Collegium des L. R. (ro,>t2p) ist sehr bedeutend und werben, wie wir hören, die Studirenden der Philosophie davon nicht ausgeschlossen. Es ist zu verwundern, daß Hr. L. R. nicht mit der Errichtung eines Rabbiner-Seminars der hohen Behörde zuvorkömmt, was um so nothwendiger, als es der Wille Seiner Majestät ist, daß die mährischen Rabbinen nur von dem L. R. zu prüfen sind. Nicolsburg besitzt ein Gymnasium und eine wohleingerichtete philosophische Lehranstalt. Von hier aus könnten die Candidaten einen, vielleicht mit hoher Bewilligung etwas compendiösern Unterricht in den classischen Sprachen und in den philosophischen Wissenschaften genießen, in religiöser und sittlicher Hinsicht unter Aufsicht des Landes - R. stehen, von diesem in regelmäßigen Jahrgängen aus Thalmud und Schulchan- Aruck und von einem tüchtigen Lehrer der hebräischen Sprache und Literatur re., mit dem sich Hr. L. R. zu vereinigen hätte, in biblischer Philologie und Hermeneutik unterrichtet werben. Die kleinen, oder doch nicht sehr bedeutenden Kosten, würden von der humanen Regierung bereitwillig aus dem Landes - Massafonde bestritten und die ärmern Candidaten. wie bisher, von der wohlthätigen Nicolsburger Gemeinde erhalten werden. Wenn vielleicht einige alte Männer ihre Unterstützung dergleichen modernen, wenn gleich vom L. R. streng überwachten *02 versagen, so würde dafür ein neuer Zufluß von den jüngern Familienvätern, mit wehr Empfänglichkeit und Liebe fürs Zeitgemäße und dabei dennoch streng Religiöse begabt, zu erwarten sein. Wir wollen schließlich über R. Nehemias Trebitsch einige Notizen anfügen, was uns um so nöthiger scheint, als sich in einem öffentlichen Blatte die entgegengesetztesten Berichte über ihn wiederholen. Daß diese Zeilen weder von Liede noch von Haß dictirt sind, wird jeder Unbefangene einsehen müssen. R. N. T. ist in Prag von sehr armen Eltern geboren, ward in der dortigen jüdischen Armenkinberschule, dann in dem bekannten (von den prager Thalmudisten selbst als hyper - orthodox bezeichneten) Collegio des fei. R. Jacob Günzburg erzogen und supplirte später diesen in seinem Lehramte. Diese Umstände waren wohl ganz dazu geeignet. R. N. zu einem starren Feinde alles außerthalmudischen Wissens zu stempeln, wenn nicht einerseits die sonstigen, viel tolerantern Thalmud-Schulen Prags und anderseits der Umgang mit manchem classischen Werke unserer Alt-Literatur (durch R. N.'s damals betriebenen kleinen Buchhandel nothwendig herbeigeführt), einer feindlichen Stimmung dieser Art theilweise entgegengearbeitet hätten. So ließ R. N. seinen Sohn *) in alten und neuen Sprachen gründlich unterrichten. Ja, R. N. selber, als einer der, vom königl. böhmischen Landes-Gubernium anerkannten Thalmud-Lehrer, prüfte seine Schüler öffentlich in rein deutscher Sprache, so gut es ging. Bei den Reisen des hochsel. weil. Landesrabdiners R. Marbochai Bened(ict) in die böhm. Bäder, zog R. N. durch seine große Thalmud-Kenntniß die Aufmerksamkeit jenes ehrwürdigen Greises auf sich und dieser empfahl ihn der mährischen Gemeinde zu Proßnitz als Rabbinen. So kam R. N. T. nach Mähren und zwar in die zweite Gemeinde des Landes. Nach erfolgtem Ableben des genannten R. M. B. f. A. warb R. N. in einem, auf Befehl und unter Aufsicht der hohen Behörde versammelten (von den mährischen Gemeinden gewählten) Collegium von sechs Rabbinen als der Erste und Vorzüglichste unter den drei vorgeschlagenen Individuen (mit 5 gegen 1 Stimme) anerkannt, (22. December 1830) und zwei Jahre später in der Altsynagoge zu Nicolsburg beeidiget und feierlich installtrt (27. Juni 1832). (Fortsetzung folgt.) *) Hr. Seligmann Trebitsch, Schwiegersohn des berühmten, vielseitig gelehrten und dem edlen Stamme der Wertheimer angehörenden k. k. Verlegers zu Dobruschko in Böhmen. D. Vf. Der Tempel des geregelten Gottesdienstes in Prag. (Aus einem Privatbriefe nach Wien.) Unter allen Anstalten, welche die hiesige jüdische Gemeinde aufzuweisen hat, ist unstreitig der Tempel des geregelten Gottesdienstes die wichtigste. „Einen solchen haben wir auch, und gewiß einen größeren und schöneren," werben Sie mir sagen und Ihre Verwunderung nicht unterdrücken können, wenn Sie hören, daß wir bei einer Gemeinde von mehr als 8000 Seelen nur einen solchen Tempel besitzen, da wir doch überhaupt 9 große und an 20 kleine Synagogen zählen. Wie würden Sie aber erst erstaunen, wenn ich Sie in's Archiv des Vereins zur Regulirung des Gottesdienstes führte und Ihnen dort die Protokolle und Noten, die auszunehmen und zu wechseln nöthig waren, bevor man nach einer fünfjährigen Arbeit am 19ten April 1837 das neue Bethaus eröffnen konnte! Es war aber auch keine Kleinigkeit; galt es doch nichts weniger, als aus den Trümmern einer guten Gesinnung das Fußgestelle für eine archimedische Schraube zusam- - men zu zimmern, um die unbewegliche Masse wieder einmal in Schwung zu bringen. — Sie nehmen mir's doch wohl nicht übel, daß ich hier etwas als Mittel ansehe, das sich schon der Mühe lohnt, es als Zweck zu erreichen. — Aber Sie dürfen unsere Zustände nicht nach Ihrem Wiener Maßstabe berechnen: Sie, bei denen im Allgemeinen vhnebieß die Lebenssorgen etwas leichter genommen werden können, haben auch, was die Gemeinangelegenheiten betrifft, außer etwa für einige Wohlthätigkeits - Anstalten, für sonst nichts Sorge zu tragen, als für die Synagoge; denn bei Ihnen ist die Synagoge die Gemeinde. Und da möchte wohl die Herbeiführung der Möglichkeit, daß auch ein der Zeitbilbung angehöriger Jsraelite dem Gottesdienste beiwohnen könne, der letzte Zweck gewesen sein. Anders aber ist es bei uns. Wir sind eine durch Gewohnheit, Tradition, enges Beisammenwohnen, Druck von Außen, Judensteuer u. s. w. mürbe gewordene Masse, bei der die Sorge der großen Mehrzahl um die eigene Eristenz schon an sich kein Förderungsmittel für einen regen Gemeinsinn abgeben kann; zählen Sie noch dazu das Hängen an herkömmlichen Abgeschmacktheiten und den bekannten kleinstädtischen Stoizismus einerseits, einen irregeleiteten Geist des Fortschrittes und die moderne Frivolität, die wir — im Vorbeigehen sei es gesagt — Wien zu verdanken haben, andrerseits, so können Sie sich auch leicht vorstellen, wie nothwendig und wie schwer zugleich 'es war, hier in diesem unergründlichen Gewirre einen kompakten Kern zu bilden, an den sich nach und nach bei dem Aufstreben zu etwas Höherem die zerstreuten Atome anheften sollten. Hier gewinnt also die Errichtung eines Tempels mit verbesserten, nach dem Geiste der Zeit veredelten Einrichtungen eine ganz andere Bedeutung. Es galt hier einen Versuch, den gelähmt daliegenden Gemeinsinn aufzuregen und ihn vorläufig nach einem gewissen Punkte hin zu firiren; und ich kann es nur für eine glückliche Eingebung ansehen, daß man diesen ersten Versuch mir der Regelung des Gottesdienstes machte, da dieser in seiner bisherigen barbarischen Gestalt es war, durch den sich so viele einzelne Glieder von der Gemeinschaft lossagten. Cs war an einem Institute, einen Fehler wieder gut zu machen, den es am meisten verschuldet. Ich spreche hier nicht allein von den erschütternden und begeisterten Vorträgen unseres Dr. Sachs, nicht dem herrlich eingeübten 21stimmigen Chor, der mit oder ohne Orgelbegleitung *) die Anwesenden zu hehren Gefühlen erweckt; sondern von dem Eindruck, den das Ganze auf jeden Unbefangenen und Wohlmeinenden machen muß, weil durch diese Verbesserung der Weg angedeutet ist, auf welchem man bei den anderen Verbesserungen, deren noch so viele bei uns vorzunehmen sind, zu Werke zu gehen habe. Die Riesenschlange, die so vieles neben und um sich entste- *) Die Orgeltöne müssen jeden Freitag Abend, so wie an allen Vorabenden bei großen Feiertagen verstummen; an solchen Tagen steht die Orgel da, ein Sinnbild des Judenthums in seiner Verknöcherung; man braucht aber nur muthig anzuschlagen, und die wohlthuenden Töne werden rein uud hell gen Himmel emporsteigen. D. Vf.