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Israelitische Annalen · 1840-02-21 · Heft 8 (21.2.1840) · p. Seite 74

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 8 (21.2.1840)
Date
1840-02-21
Page
Seite 74 (sequence 6)
Language
German
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74 den deutschen Israeliten, die früher die portugiesische Synagoge besucht, ein Verein gebildet, welcher ein eigenes Gotteshaus mit deutschem Ritus zu gründen beabsichtigt. — Die Berichte der Eingewanderten stimmen alle überein in der Klage über den argen Indifferentismus der amerikanischen Juden. Einer drückt sich darüber folgendermaßen aus: „Unsere Religion hat sich nicht der besten Anhänglichkeit zu erfreuen, und sehr viele unserer Glaubensgenossen in Amerika sind es blos dem Namen nach und ihr ganzer Lebenslauf widerspricht dem eines Israeliten." Eine Hauptursache davon liegt wohl in der fehlenden oder mangelhaften Gemeindeverfassung. da Leute, die aus den verschiedensten Ländern durch bloßen Zufall an einen Ort geworfen worden, sich nicht leicht vereinigen und über die zu treffenden Einrichtungen verstehen, und so müssen denn bald in Ermangelung aller geistlichen Leitung und öffentlichen Religionsunterrichts Unwissenheit und Lauheit in religiösen Dingen einreißen. (Uebngens muß man wissen, daß auch die Christen in den vereinigten Staaten mit Gotteshäusern und Geistlichen sehr schlecht versehen sind.) Mögen die Deutschen, die jetzt in größern Gesellschaften einwandern, auch im Lande der Freiheit zusammenhallen, und die treue Anhänglichkeit an den Glauben der Väter bewahren, aber nicht blos für die äußern Requisiten des Cultus, sondern mehr noch und hauptsächlich für die eigentlichen Hebel des religiösen Lebens, für einen gediegenen Volks- und Jugendunterricht in Synagoge und Schule Sorge tragen! Derselbe neue Amerikaner schreibt (in einem Briefe von etwas ältermDatum) aus Philadelphia, wo eine deutsche und eine portugiesische Gemeinde, daß die erste in ihrer Synagoge noch sehr viele Mißbräuche habe, letztere hingegen in ihrem neuen Gotteshause (das mit dem israelitischen Tempel zu Wien viele Aehnlichkeit hat) einen wohlgeordneten und ansprechenden Gottesdienst halte, daß sie dennoch nur einen Chasan hat, und es dort weder ein Rabbinat noch eine Religionsschule giebt. Ich hoffe, bald im Stande zu sein. Ihnen von dorther für die Annalen genauere Nachrichten mittheilen zu können. Aus Baiern. — Rabbinerwahlen. In Unterfranken soll jetzt der Kampf auf dem Felde der Rabbinerwahl eröffnet werden. In fünf Distrikten (Würzburg, Mkt. Steft, Obbach, Kissingen und Gersfeld) keiner geringer als 51)0 Familien und 2000 Seelen, soll jetzt die Entscheidung fallen, welchen geistlichen Führern auf mehrere Geschlechter hinaus das Seelenheil der Gemeinden, die religiöse Bildung der Jugend, die würdige Vertretung nach Außen und die Vermittelung der Partheien im Innern anvertraut werden soll. Unterfranken umfaßt den vierten Theil der gesammten jüdischen Bevölkerung Baierns — nahe au 15000 Seelen — und von der Leitung und zweckmäßigen Führung der religiösen Sache daselbst hängt ungemein viel ftr eine bessere Gestaltung der Dinge in unserem ganzen baierischen Vaterlande ab. Die Weisheit unserer hohen Staatsregierung, welche nur verderblicher Neologie abhold ist, sie ist es durchaus nicht einer in den gehörigen Schranken bleibenden Reform, welche die Gewissen nicht belastet, erziehend und stufenmäßig heranbildend ist. Heil darum den israelitischen Männern von Unterfranken, wenn sie durch ihre Wahl solche Männer an die Spitze ihrer religiösen Angelegenheiten stellen, wie sie die heilige Schrift als würdig bezeichnet, Israels Vorgesetzte und Führer zu fein; nämlidf WZ iS* Männer voll Kraft, die weder rechts noch links schauen, sondern das Gute thun und das Bessere befördern, weil es gut ist und die Zeit es so dringend verlangt; dann DVi>S‘T gottesfürchtige Männer, denen das wahre Heil der Religion und ihre Erhaltung in diesen sturmvollen Zeilen vor Allen am Herzen liegt; ferner nEK’WjK Wahrheitsmänner, welche nicht den Mantel der Scheinhelligkeit umlegen, sondern aufrichtig, grade, offen sind in ihren Worten und Werken; endlich noch J7S2 Feinde der Gewinnsucht, die uneigennützig ihr Amt verwalten und ihren süßesten Lohn in dem Bewußtsein ihrer gethanen Pflicht finden. Ja, gewiß! männliche Kraft, wahre Frömmigkeit, offenherziges Benehmen und Uneigennützigkeit, das sind die vier Cardinallügenden eines jeden geistlichen Führers und thun besonders der zerrütteten Gemeinde Israels in der jetzigen Zeit höchst noth. Auch hat die Nachricht unfern Muth und unsere Hoffnung sehr aufgerichtet, daß in der Thal mehrere wackere und bessergesinnte Männer in Unterfranken sichs angelegen sein lassen, die tüchtigeren und gebildeteren unter den supplicirenden Candidaten herauszufinden, um sie dem Volke anzuempfehlen. Möchten sich bet dieser Gelegenheit alle diejenigen in Unterfranken, welche an ein'Befferwerden glauben und es von Herzen wünschen, möchten sie sich, indem sie ihren Gegnern würdig und ohne Partheihaß entgegentreten, in jeder Beziehung wacker und tüchtig zeigen, ausdauernd, zusammenhaltend, unermüdlich! denn diese drei letzten Prädikate kann man der gegnerischen Parthei bei ihren Bestrebungen durchaus nicht streitig machen. — Möchten sie es alle im tiefsten Herzen fühlen, wie viel für sie und ihre Nachkommen in diesen kritischen Augenblicken davon abhängt, baß ein Jeder von ihnen seinen Einfluß nah und fern nur und einzig nur für die gute Sache geltend macht; daß sie alle, die Bessergesinnten, wacker zusammen stehen und ihre edeln Kräfte, welche nur der Sache angehören, nicht durch Familien- und Privatrückstchten zersplittern, sondern Eines immer im Auge behalten — nämlich Rabbiner zu erlangen, welche der Zeit und den Umstanden gewachsen sind; Männer, welche das religiöse Bedürfniß des Zeitalters zu beftiedigen verstehen und die mit der Daransetzung ihrer ganzen Kraft bemüht sein werden, mit möglichster Schonung der entgegenstehenden Parthei das jüngere Geschlecht für die Religion zu gewinnen und mit der Lehre unserer Väter wieder auszusöbnen. Am meisten möge dieses für die Wähler in dem neuen Rabbinate Würz bürg gelten. Dieser Bezirk wird sowohl seiner Familienzahl nach, als auch wegen seines Einflusses als Centralstelle, immer der bedeutendste bleiben, und darum sind hier auch Hoffnungen und Befürchtungen am meisten gespannt. Der Distrikt W., wohl 10 Stunden im Durchmesser, umfaßt an 700 Familien, von welchen fast der dritte Theil auf die Stadl und ihre nächste Umgebung kommt. Ein schöner, wohlkonzentrirter Wirkungskreis; wo als Muster für die übrigen Gemeinden und Distrikte manches Gute für Synagoge, Schule und Haus bezweckt werden kann, wenn der zukünftige Rabbiner seinen Standpunkt in der Kreishauplstadt begreift und als ein kluger, wohlgesinnter Mann zu benutzen versteht. — Leider aber hören wir, daß vor allen der in Würzburg als Bewerber auftretenden Candidaten Einer genannt wird, dessen Rabdinatsprüfung bereits in diesen Blättern Erwähnung geschah; der, ein sehr gelehrter 'und eifriger Thalmudist, von vieljährigen Hausirgeschäften endlich zur Candibatur des Rabdinerfaches übergegangen, jetzt an die Spitze der religiösen Angelegenheiten eines ganzen Kreises treten soll, in einer Zeit, wo das Steuerruder der Religion, eine so geübte Hand, einen so ungetrübten Blick, einen so hohen Muth erfordert! Was wird ein Mann, der — wir wollen seinem Privatcharakter durchaus nicht nahe treten — kaum die ersten Elemente der Schule, kaum die Kenntniß der deutschen Sprache besitzt, was für eine Stellung in einer durch Wissenschaft und Bildung ausgezeichneten Stadt einnehmen; wie wird er seine Glaubensgenoffenschaft würdig repräsentiren können; wie wird er in einer neugebauten, gewiß von Andersglaubenden hier und da besuchten Synagoge das Wort Gottes zur Ehre seiner Religion gehörig vortragen, wie wird er es seinen Amtsanbefohlenen klar und eindringlich an's Herz legen können; wie wird er seine Wirksamkeit in der Schule, dem Pflanzorle unserer Hoffnungen, geltend machen, wo, von den Lehrern gar nicht zu reden, so manche der Schüler ihn an gemeinnützigen Kenntnissen übertreffen werden; wie wird er der jüdischen Jugend an den höbern Bildungs-Anstalten der Sladl einen belebenden Religionsunterricht zu geben vermögen; wie wird er überhaupt fähig sem, das jüngere Geschlecht durch die Bande der Achtung und Ehrfurcht zu feffeln, um sie vor den Irrgängen des zerstreuenden Lebens zu bewahren? -in der Thal! unsere Brüder von der alten Parthei,

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