Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1839-12-27 · Heft 52 (27.12.1839) · p. Seite 416

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1839
Issue
Heft 52 (27.12.1839)
Date
1839-12-27
Page
Seite 416 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3133765-3133766-3133819--0477-3134622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

416 hierin, was Mohamed früher that, sie luden sich bei der jüdischen Tradition oft zu Gaste (vergl. die gekrönte Preisschnft „Was hat Mohamed aus dem Judenthum genommen'^" Von vr. A. Geiger, Bonn 1832, 8.). Die Erzählungen im Thalmud sind ethischen Inhalts, außer denjenigen, die eine mehr wissenschaftliche Allegorie enthalten. Die Thalmudisten liebten die Allegorie sehr, und hüllten ihre Ansichten oft in dieses Gewand. Das Wesen zu erkennen, welches darunter verborgen ist, hat späteren Gelehrten oft viel Schweiß gekostet. Hier und da sind auch ergötzliche Erzählungen eingeflochten, z. B. im Midrasch Echa, welche den allgemeinen Zweck haben, zu begründen, daß die Einwohner Jerusalems vielen Verstand und Lebensart besaßen und selbst die Jugend geistreich war. Gewöhnlichsind es hier Athenienser, welche nach Jerusalem kommen und die Bewohner durch verfängliche Anreden oder Befehle zum Besten halten wollen, zuletzt aber den Kürzern ziehen. So B. heißt es hier S. 60. e.: Ein Athener kam nach Jerusalem, und ging zu einem Schneider mit einem zerbrochenen Mörser und bat denselben, diesen zusammenzuflickeu. Der Schneider brachte eine Schüssel mir Sand und sagte: Willst du die Fäden daraus spinnen, so stehe ich gleich zu Diensten. Ein Athener kam nach Jerusalem und gab einem Kinde einige Pfennige, es solle dafür etwas kaufen, wovon es sich jetzt satt essen könnte und noch übrig lassen, damit es den Rest auf die Reise mitnehmen könnte. Der Knabe holte Salz. — Die Form aller dieser Erzählungen ist so einfach als möglich, schmucklos und ohne Worlgcpränge. Merkwürdig bleibt cs immer, daß die spätern hebr. Erzähler ihren Stoff lieber aus der Fremde holten und nur selten Erzählungen aus dem Thalmud aufnahmen. Das geonäische Zeitalter bat überhaupt für Poesie nichts gethan. Man machte bloß aus dem Tbalmud Sammlungen von moralischen Erzählungen, die unter das Volk verbreitet werden sollten. Wir besitzen noch ein solches Buch von dem bekannten R. Nissim Gaon. *) Viel später erst erwachte die Lust, hebr. zu erzählen, wobei außer den ethischen Zwecken noch Beschäftigung der Phantasie erreicht werden sollte. Viele ältere Werke sind im Laufe der Jahrhunderte untergegangen, und ihre Spur so verwischt, daß wir nicht einmal wissen, ob wir ihren Verlust zu bedauern haben oder nicht. Jedenfalls ist es ein Verlust für die Geschichte, wenn der gute Geschmack sich auch darüber trösten sollte. Der Erste, der nach Jahrhunderten wieder unfern Blick auf sich zieht in dieser Gattung der Poesie (denn in andern Gattungen liegen uns ältere Dokumente vor) ist der berühmte-R. Jehuda Alcharisi,**) der im Tachkemoni viele ergötzliche Erzählungen eingeflochten hat, und dessen ganze Anlage nichts als Geschichte ist. Es ist eine freie Nachbildung der arabischen Makamen von Hariri, die unter den occidentalischen Israeliten eben so viel Beifall fand, als das Original in Arabien. Es ist unseres Wissens einer der ersten Versuche, ein ganzes arabischschöngeistiges Werk nachzubilden , und es übte den größten Einfluß aus auf spätere Dichter, z. B. auf Jmanuel. §) Chever Hakeni (der Held dieser Makamen) ist einer von denjenigen geistreichen Personen, welchen das Geschick mehr Verstand und Wvhlredenheit schenkte, als Geld und Gut. Um diesem argen Fehler des Geschickes abzuhelfen. *) Ueber ihn und sein Buch vergl. Rapaport, Biogr. des- . selben in Bikure Jtim, 1831. **) Vergl. über denselben und sein Buch unsere Ehrensäulen u. s. f. von S. 25 bis 47 und von S. 36 bis 44, wo deutsche Proben daraus sich befinden. §) Ein gewisser Jsak den Israel, Vorsteher einer Academie in Babylon (rc’W w&n) verfaßte auch solche Machberoth, welche diverse Gedickte und Briefe enthielt, die, wie Alcharisi Eap. 18, S. 36 sagt, meistens schwach find und kalt wie Schnee u. s. f. führte er ein lyrisch-nomadisches Leben, und machte auf der Reise kleine Tauschgeschäfte mit den Reichen; er sagte ihnen Bonmots und erzählte ihnen die schönsten Geschichten oder recitirte ihnen seine Gedichte, wogegen er bereit war, ihnen von der Last ihrer Goldstücke etwas abzunehmen. Damals schon theilten sich die Reichen in zwei Classen, in solche, die einem Andern auch etwas geben, und in solche, die ihr Geld nur für sich behalten. Er hat das Unglück, von der letzten Classe (deren Zahl nicht klein ist) mehrere kennen zu lernen. Ihre Hand wollte seinen Geist nicht werkthätig anerkennen, sie haben ihm wahrscheinlich nur Complimente gemacht, — er schenkt diesen, der Oekonvmie Beflissenen, Unsterblichkeit im Scheibewasser ätzender Epigramme und Schilderungen, 'worin sie fortleben' müssen, so lange man Hebr. liest, wenn von ihnen und ihren Goldstücken längst bas letzte Stäubchen verweht ist. Andererseits ist er dankbar, und »eine Muse ist eifrigst bestrebt, ihre Wvhlthäter mit Lorbeerkränzen zu schmücken. Chever Hakeni ist verkörperte Poesie, und als solche sind auch seine Erzählungen zu betrachten; sie sind nur der Poesie halber da, sie sollen ergötzen; speziell ethische Zwecke sind ihm etwas ferne, obwohl er der Moral in andern Theilen seines Buchs das Wort redet. Die Sprache ist höchst geistreich und mit allem rhetorischen Schmuck (oft bis zur Uederfüllung) ausgestattet. Ein Zeitgenosse des Alcharisi, ebenfalls ein Spanier, Jehuda Haleoi, schrieb im Jahr 12(7 eine Erzählung, betitelt „Das Geschenk Jehuda's, des Weiberfeindes" (□^jnKTO' min’ nrao)- Das Hauptwerk in der Gattung der ethischen Erzählung lieferte Abraham den Chisdai Hallewi. Rabi Jakob den Clasar, ohne Zweifel ein Spanier (und gewiß noch aus der Blükhezeir der jüdisch-maurischen Poesie) hat in seinem Buche ebenfalls einige Erzählungen. Das ganze Buch ist in gereimter Prosa mit eingeflochtenen metrischen Stücken. *) Um diese Zeit vielleicht mag auch die hebr. Uebersetzung des arab. Chelila vedimna durch einen R. Ivel gemacht sein, dessen Name nicht weiter vorkömmt und welches Werk (?) nie bekannt geworden zu sein scheint. Der Styl desselben ist rein, obwohl nicht in der Art des Alcharisi und der andern sogenannten geistreichen Schriftsteller, welche im Musivstvl stark waren. Es ist in Prosa ohne Reim geschrieben. **) Auch Immanuel aus Fermi, bekannt durch sein geistreiches Werk Machberoth (Abschnitte) und durch das Anathema des frommen R. Joseph Karo, hat in seinem genannten Werk einige wenige geistreiche Erzählungen. Jsak Onkeneira hat in seinem Buch noi’N npiiliS §) (welches in der Rubrik „Räthsel" besprochen wirb), ebenfalls einige Erzählungen eingeschaltet, welche das Beste in diesem Büchlein sind. *) Handschriftlich in München, No.268. Daß dieser Jakob den Elasar derselbe sein soll, den David Kimcki in seinem Wörterbuche citirt (Art. -jnisV niNV p,\* und sonst noch), ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, daß er das av^rn D"nc schrieb, welches Gleichnisse über die Seele enthält (Handschr. im Vatican, No. 221.). **) Handschriftlich in der königl. Bibl. zu Paris. Vergl. De Salay's Vorrede zu seiner arab. Ausgabe des Chelio vediinua, Paris 1716, S. 34. Es ist das einzige Msc., welches in Europa bekannt ist. Doch hat man im 9. Bande der Notices et Extraits (1. Abtheilung, S. 451 — 6«) ein Cap. daraus mitgetheilt. §) Verfaßt im Jahre 1573 in Konstantinopel, das. gedruckt 1672, welche Ausgabe wir nie gesehen haben. Neu aufgelegt Berlin 1702, kl. 4. Die Erzählungen aus diesem Büchlein sind auch abgedruckt in dem Werke mEl -nnDD von Jakob Luzzato. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer in Frankfurt am Main.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.