Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 20 (17.5.1839)
- Date
- 1839-05-17
- Page
- Seite 158 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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158 dort alles und thut dort alles, wie in der finstern Vorzeit, mit Ausnahme einiger an Purim und Sckebuoth ausgelassenen Gesänge. In der Religionsschule sieht es in so fern anders aus, als man dort vieles nicht spricht und nicht tkut, was anderswo gesprochen und gethan wird. Hier sind Verbesserungen unterweges, auch dringend nöthig. Schon hak der verwahrlosete Zustand der Schule die Aufmerksamkeit des hiesigen Tagcsblattes erregt, welches unserm Rabbiner vielleicht mit Unrecht den Vorwurf macht, dieselbe nicht streng genug zu beaufsichtigen. Von ihm allein hängt jedoch nicht alles ab. Hierüber ließe sich gar vieles sagen, wenn hier der Raum dazu wäre; so viel darf man kühn behaupten. daß in keiner Schule weniger geleistet wurde, als hier. Woran liegt es? Jeder kennt die Ursache und sie ist mit wenigen Worten anzugeden; — doch Gott wolle, daß es besser werbe. Ich kenne keine größere Gewissenssache, als die Beaufsichtigung einer Religionsschule, und jeder Schule überhaupt, welche einen Theil der hoffnungsvollen Zukunft der Sorge der Schulmänner anvertraut. — In dem tobten Iudenthume finden sich noch Mißbräuche aller Art. Wahrhaft empörend ist es, ein Leichenbcgrädniß hier mit anzusehen. Da folgen die Leidtragenden in zerfetzten Kleidern, die Beglelter laufen ohne Anstand, ohne Ordnung, ohne Zeichen der Theilnahme nebenher; die Leiche fährt im Wagen mit elenden Pferden bespannt, der Kutscher in weißem Mantel und farblosem Hute! Ein solcher Zug schleicht durch eine Stadt von 20060 Einwohnern unter vielseitigem Gespött dahin! Es ist entsetzlich. — Schon seit Jahren hat die hiesige Gemeinde von Seiten der Regierung und des Magistrats die Erlaubmß sich einen eigenen Friedhof zu errichten; allein dieses so wünschenswerthe Unternehmen in's Werk zu richten, fehlt die Energie; alle Kräfte scheiterten an Geiz. Eigensinn und Aberglauben. Lieber fährt ijpm die Reste des theuern Dahingeschiedenen nach einem zwei Stunden von hier entfernten Dorfe, was sehr beschwerlich ist und viel Unkosten macht. Wann wird bas anders? Gewiß vergeht noch Zeit darüber. — Vor 14 Jahren begrub man bei uns die Tobten in einem rothen (!) Wagen, der in Gestalt wie in der Farbe einem Schäferkarren glich. Dies schrieb sich aus jenen Verfolgungszeiten her, in denen man die Leichen auf dem weiten Wege zu ihrer Ruhestätte bin, vor roher Mißhandlung sichern wollte. Herr Rabbiner Rosenfeld ließ den Wagen schwarz anstreichen und eine Decke darüber legen. Darüber wurde nicht wenig gemurrt! Jetzt denkt keiner mehr daran, daß man in einem rothen Wagen fahren müsse, um im Tode seine Ruhe zu haben, und die kommenden Geschlechter werden es höchstens aus diesen Annalen erfahren, daß es so war. — Auf solche Weise sollte man aber immer fortschreiten und die kleinen Hindernisse und Schwierigkeiten mit angemessener Thatkraft besiegen! Das fordert die Zeit von den Gebildeten und Wohlgesinnten! Literatur. Philosophie. Poesie. Obgleich wir gern den Grundsatz gelten lassen, daß die Annalen streng genommen sich nur mit derjenigen Literatur zu befassen haben, welche eigentlich das israelitische Gebiet behandeln, so rechnen wir doch auf die Billigung unsrer Leser, wenn wir mitunter zu Gunsten aufblühender Talente junger Israeliten, deren Arbeiten einen Fortschritt beurkunden, eine kleine Ausnahme machen, theils um jenen in unserm Kreise einige Anerkennung und Aufmunterung zu verschaffen, theils auch um zugleich ergänzend nachzuweisen, an welchen verwandten Objecten die heranreifenbe Cultur ihre Kräfte versuche, was selbst zu den Wirkungen der fortschreitenden Bildung gehört. Wir werden mehrere neuere Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie und der Poesie hier zur Sprache bringen, jedoch nur kurz und übersichtlich den Inhalt und den Grunbton angebend, ohne das kritische Messer anzusetzen. 1. Esquisse cFune liistoire de la Logique, precedee d’une Aualyse de l’Orga»um d’Aristote, p. A. Frank, Prof, de philosophie. Paris, 1839.] Ungeachtet der großen Schwierigkeiten zieht doch Aristoteles, der gelehrteste und berühmteste Philosoph der Welt, der hohe Geist, welcher so viele Aufgaben der Wissenschaft gelöset oder der Lösung nahe gebracht, und die Kräfte der menschlichen Seele sorgfältig geprüft hat, noch jetzt jeden Denker an. In ihm waltet ein Geist, der alles durchschaut, ein Licht, das alles aufhellt. Er hat zuerst die Denkgesetze, die Logik, die Grundlage alles Urtheils, diesen wichtigen Zweig der Philosophie, abgefaßt, ausgebilbet und bestimmter geordnet. Diese Disciplin hat aber mannichfache Schicksale erlitten. Die Geschichte derselben führt uns der Vf., ein junger Gelehrter, langestellt am College Royal zu Versailles) vor, und zeigt, wie alle verschiedenen Systeme der Logik, in alten, Mittlern und neuern Zeiten, nur Umwandlungen einer und derselben Wissenschaft sind. Sie ist erst nur die äußere Gestaltung der Gedanken in dem Ausdruck, das ist die Syllogistik, welche nachmals die Scholastiker fleißig bearbeiteten, die bei den Arabern Motakalemin und bei den Juden Medaberim heißen. Dann verließ man dieß trockene Formelwesen, um die Gedankenform selbst zu analysiren; das ist die E^perimental-Log i k; dann hat man den innern Gehalt geprüft, um zu sehen, ob durch's Denken die Wahrheit gefunden wird. Das ist die kritische transcendentale Methode. Endlich hat man die Identität des Gedankens und der Wahrheit setzen wollen, das ist die speculative Methode. „Die Geschichte der Logik," sagt der Vf., „wird vertreten durch die fünf Namen Aristoteles, Baco, Descartes, Kant, Hegel; alle groß in der Wissenschaft, aber dem Ersten verdanken wir den Begriff, den Ausdruck und die systematische Darstellung einer Doktrin, von welcher vor ihm nur schwache