Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 15 (12.4.1839)
- Date
- 1839-04-12
- Page
- Seite 120 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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120 der Ansicht des H. Kohn schnurstracks entgegenschreiden, indem derselbe das in diesem Streite entscheidende Wörtchen mit Abschneiden, ich aber mit Enthüllen, Freilassen des Haupthaares übersetzt wissen wollte? — Gewiß, es ist uns Allen, die wir Strebende sind in einer zerwürfnißreichen Zeit, es ist uns Allen einzig und allein um die Wahrheit zu thun, und Schmach und Schande ist es, dieses Streben zu verkennen, ja, es noch gar mit höhnischem Hochmuthe als Charlatanerie, als Reformsüchtelei, und was das Schimpflichste, als moderne Bequemlichkeitstheorie brandmarken zu wollen. 2) Zur Motivirung meiner Ansicht habe ich Gewicht gelegt auf Ezech. 24, 17. Dort nämlich sagt der Herr dem Propheten, was derselbe ausnahmsweise in seiner Trauer Alles zu unterlassen, woraus der Talmud (M. K. 15) ganz consequent zu finden sucht, was ein Trauernder in der Regel zu leisten habe. Dieser Vers lautet wörtlich also: „seufze leise! über Todte die Trauer mache nicht! Deinen Hauptschmuck lege dir um, und deine Schuhe thue an deine Füße, und verhülle nicht über dem Barte, und Brod der Leute iß nicht!" — Daraus geht also zur Evidenz hervor, daß andere Trauernde laut weinten, Todtentrauer hielten, den Kopfschmuck ablegten, die Schuhe auszogen, über dem Barte einhüllten und Brod der Leute aßen. Nach meiner Ansicht nun, daß jnc C3. B. 10, 6) Entblößen des Hauptes bedeutet, so findet dieses seinen Gegensatz bei Ezechiel durch das Anlegen des Hauptschmuckcs anon “p^D "jbv'i nach der Behauptung des Talmuds aber, daß jhe Wachsenlassen des Haares bedeutet, so motivirt das keinen eigentlichen Gegensatz; und der Talmud wendet cs, aber gewiß frnpO bw HO HSV auf bas Anlegen der an (M. K. 15 a). — Wir werden nun wohl bei einer ausführlicheren Besprechung der Sache wieder auf diese Schriststelle zurückkommen; hier aber nur die Frage, warum bat H. H. gerade diesen unter meinen Beweisgründen unberührt gelassen, da ich denselben doch in meiner. Abhand, lung mehrfach zur Entscheidung vorgelegt habe? liegt wohl in diesem einfachen Beweisgründe etwas dreistes, ein Dunst¬ oder Sandstreuen in der Leute Augen? — 3) Die geehrten Leser, welche unserem Streit zu folgen sich nicht verdrießen lassen, werden sehen, daß das Wörtchen jn£ eine besondere Rolle in demselben spielt. Daß dieser Ausdruck Enthüllen bedeute, meinte ich durch die Stelle J?HD HiTP t3- M. 13, 45) begründen zu können. H. H. aber giebt das nicht zu und sein Refrain ist und bleibt, wer versteht biblische Sitte besser: Herr Stein oder der Talmud? — Nun, wohlan! so will ich mir Succurs aus dem Talmud selbst suchen! Man erlaube mir zu diesem Bebufe die Talmuvstelle, die ich. in meiner Abhandlung (S. 57) nur angedeutet, „wörtlich" hier wiedergeben zu dürfen, Moed Kaum 15 a, heißt es vom Aussätzigen: und sein Haupthaar sei JJHD —i"lJ7H!D ist nichts anders als Wachsenlassen des Haares, das sind die Worte R. Cliesers; R. Akiba aber sagt, es heißt nHil bei den (zerrissenen) Kleidern und heißt nHn bei'm Haupthaare; so wie nHIl dort eine Sache betrifft, die außerhalb des Körpers ist (näm. sich die Kleider), so betrifft es auch hier eine Sache außerhalb des Körpers (nämlich, wie sogleich näher erklärt wird, daß das Haupt entblößt von aller Bedeckung sei.) — Durch dieses Citat wollte ich beweisen, daß wenigstens in der angeführten Stelle meine Ansicht nicht so ganz verwaist dasteht, und in der Person R. Akiba's eine bedeutende Autorität des Talmuds für sich hat; somit war es doch gewiß nicht gewagt, bas Wort auch bei den trauernden Priestern (3. M. 10, 6) also zu fassen, und ist dieses offene Aussprechen einer Ansicht sicherlich weder Dreistheit, noch Dunst, noch Sand in die Augen der Leute gestreut. — Eigen ist es, daß ich hier das Schicksal jenes großen Talmudisten theile, dem ein anderer eben so unartig zurief, wie H. H. mir: nran □h'w b'üü rvo^n ^28 no d. h. in der Sprache des H. Hirsch, der zuerst mit der eingezvgenen Pfote streichelt, um bann mit der ausgestrcckten desto empfindlicher zu verletzen: „lieblicher Sänger der Stufengesänge!" (sehr verbunden!) „was wollen Sie bei Gesetzentscheidungen? holten Sie sich zu Liedern und Mährchen!" — Nein, mein guter Herr Naphtali! Sollte auch mein Antheil in's liebliche Gebiet des Liedes gefallen sein, so soll mich das doch nicht abbalten, durch Wort und Thal in den Reihen der Kämpfer für die Sache des Lichtes mitzustreiten, und sollten auch blutigere Dornenkränze meiner harren als die Ihrigen. Und obwohl ich weit davon entfernt bin, mich zu den Extremen der Reform zu bekennen, und täglich meinen Gott bitte, daß er meine Augen erleuchte, um den wahren Weg aus dem Labyrinthe der Zeit zu erschauen, so freut es mich dennoch ungemein, vor dem Beginne des durch Ihre neueste Schrift hervorgerufenen und gewiß noch weit tiefer gehenden Kampfes meinen Standpunkt offen und frei auf der Seite des Fortschrittes und der Verbesserung genommen zu haben. Ja, gewiß, der durch Sie, mein Herr Naphtali, hervorgerufene Streit wirb nicht auf der Oberfläche bleiben, sondern immer tiefer eingreifen und bedeutende Gegensätze an's Licht führen: das aber wird heilsam sein. Auch werden Sie nicht allein stehen bleiben. Sie werden Helfer und Handlanger, offenbar und ganz besonders im Finstern bekommen, bas aber wird auch die Gegenparthei aus dem Schlummer ihres strafbaren Indifferentismus endlich aufwecken. S i e werden dem Extreme der Reform das Extrem der Stabilität entgegensetzen, in der Mitte aber wird neu aufblühen wie ein Garten Gottes alles Schöne, Wahre und Gute auf dem Gebiete unserer heiligen, uns Allen gleich theuren väterlichen Religion. Stärke uns Gott zum Kampfe! Das Ende aber wird Frieden sein. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer in Frankfurt am Main.