Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1839
- Issue
- Heft 4 (25.1.1839)
- Date
- 1839-01-25
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
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26 kennung, und zu einer größer» Selbstachtung, welche einige Zeit wirklich gewankt hatte. Das geistige Leben der Israeliten, ihre Lehren und Ansichten, Einrichtungen und Sitten, Gährungen und Kämpfe, Verfolgungen und Irrungen, kurz alles was durch ein mneres Streben in's Dasein gerufen wird, hat in der Erscheinung eine ganz eigene Färbung, und zieht dadurch die Aufmerksamkeit an: Es ist aber auch gleichzeitig dadurch den Mißverständnissen sehr leicht ausgesetzt. Um so mehr ist es Pflicht, die darin hervortretenden historischen Momente von verschiedenen Standpunkten aus recht genau zu betrachten, und nicht nach dem auffallenden Aeußern voreilig über sie abzusprcchen. Wir hoffen, hier eine Reihe solcher Bilder von den mannigfachsten Thätigkeiren den Wißbegierigen vorführen zu können, und dadurch klarere Ansichten vorzubereiten. Ein Hauptmoment dieses innern Lebens ist die Auffassung der Offenbarungslehre und ihre Darstellung durch Wort und That. Wie schwierig dieß Werk sei, beweist, bei aller Festigkeit des Ganzen, die Vielfältigkeit der Systeme. Wohl hat sich bei dem größten Theile der Israeliten das sogenannte mündliche Gesetz, die Tradition, und bei dem übrigen die autorisirtere Interpretation des Gesetzes als Norm für die Pflichterfüllung geltend gemacht; allein alles dieß genügt zwar der Einheit der Masse, nicht aber dem G e i st e, welcher über die höchsten Fragen Aufschluß sucht. Ja, dieser sah sich gedrungen, sein eigenes Selbst strenger zu prüfen, um mit Kraft den geistigen Einflüssen, die von außen kamen, zu widerstreben. Bedroht sah er sich von der freisinnigen griechischen Philosophie, von der aus dem Schooße der Israeliten erwachsenen christlichen Kirche, von der auf den Verstand wirkenden Naturwissenschaft, von der Schwärmerei derer, welche mit glühender Phantasie mehr dem ahnenden Gefühle angehören und dem Bewußtsein entsagen. Sich allen solchen Einwirkungen entziehen kann der Geist nicht. Er würde aufhören Geist zu sein, ließe er sich also bannen. Da konnte es also an Kämpfen und Scheidungsvorgängen nicht fehlen, und diese bilden dann entweder Wendepunkte in der Geschichte der Entwickelung, oder zeigen mindestens eine etwas belebtere Thätigkeit, aus welcher die bis dahin im Stillen vorgerückte Mischung der Elemente erkannt wird. Menschliche Schwächen üben in solchen Fällen, wie überall, ihren Einfluß; die Leidenschaftlichkeit, welche bei'm Gefühl des eigenen Unrechts noch stärker hervortritt, als im Bewußtsein des Rechts, der Unwille, den die Ohnmacht zu erzeugen pflegt, und öfters auch die Unbeholfenheil der steifen Gewohnheit, rathen zu den ungeeignetsten Mitteln und Waffen, und so gewinnen die bisweilen an sich wahrhaft erhabenen Streitigkeiten in der äußern Gestaltung ein höchst unerfreuliches Ansehen. Das darf uns aber nicht irre machen. Wir sehen in ihr nur das, was sie vertreten soll. Wir fragen nicht bloß, was har sich ereignet? sondern, warum hat man dies oder jenes gtthan? Welche Gründe und Anlässe haben solche Vorgänge gewissermaßen zur Folge gehabt und haben müssen? So betrachtet wird uns die Verfolgungsgeschichte eines durch seine erquicklichen Geiftesproducte in allgemeiner Verehrung stehenden'Mannes ein Abbild der gleichzeitigen Zustände und Ansichten darbicten, welches nicht verfehlen dürfte, weitere Forschungen anzurcgcn. Den Anlaß gab augenscheinlich ein Prinzipienstreit, und die Art, wie diese Verfolgung geübt und beendigt wurde, zeigt nichts weiter als einen solchen Scheidungsvorgang der gemischten Elemente, welche sich nicht recht vertragen. Um den Prinzipienftreit einigermaßen zu verdeutlichen, bemerken wir nur folgendes: Die Tradirionslehre und die Kabbala h, ursprünglich und ihrem Begriffe nach, eins und dasselbe, haben sich doch mit der Zeit dahin geschieden, daß erftere mehr und fast allein die ganze Breite des auszuübenden Gesetzes einnimmt, während die andere sich auf Erforschung der Gründe desselben und der höheren Welt an sichten beschränkt. Diese setzt die Kenntniß von jener voraus. Beide sind darin einig, daß dieß Gesetz geübt werden müsse, und daß die kabbalistische Forschung nur den Geweiheten zugänglich sei und zugänglich sein dürfe. Dadurch aber entsteht ein Gegensatz im Principe selbst. Die Traditionslehre fordert unbedingten Gehorsam, völlige Entsagung seiner selbst zu Gunsten des bis in die allerkleinsten Elemente nach der Ueberlieferung fortentwickelten Gesetzes, wie solches in den Gesetzsammlungen vorliegt. (Den Gedanken beschränkt sie nicht, sie verlangt nur Ausübung. Dadurch kommt sie auch