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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 365

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 365 (sequence 30)
Language
German
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In diesen siebzehn Jahrhunderte alten Gäßchen scheint jedes Häuschen mit seinen vielen Schnörkeln in ständiger Bewegung und diese Lebhaftigkeit wechselt so glücklich mit diesen hochgiebeligen gotischen Dächern und den aufgesetzten tönernen Schornsteinen ab, daß man in einer phantastisch zeitverlorenen Straße voll altem Silberspielzeug zu sein glaubt. Prag ist aber auch reich an jüdischen Denkmälern,- an tragischen, aber auch freudvollen. Wie selten sind doch freudige Denkmäler bei uns Juden! Auf meinem Weg ins alte Judenviertel trat ich in einen Buchladen ein und fragte, ob ich irgendwelche Bücher über das alte Ghetto haben könnte. — Der Buchhändler, ein alter, kahlköpfiger Mann, ein Jude, deutet auf ein großes Album auf dem Regal. Ich müsse ihm versprechen, es zu kaufen, denn sonst, »wozu werde ich mir erst die Mühe machen, es herunterzuholen«? Darauf sagte ich ihm etwas zweifellos Irreführendes. Die wörtliche Übersetzung von »pig in a poke« klingt gewiß komisch und überdies mochte das Wort »Schwein« an und für sich ihm als Juden eine Beleidigung bedeuten. Also kurz und gut, er war sicher, ich würde das Buch keinesfalls kaufen, denn das Ghetto existiere nicht mehr. — Gerade das war für mich natürlich ein Grund, das Buch erstehen zu wollen. »Also was fangen Sie mit den Bildern an?« beharrte er. »Sie können die Plätze ohnedies nicht mehr sehen, sie sind alle niedergerissen worden. Mich inter^ essieren die Bilder schon eher, denn ich habe sie als Bub alle noch gekannt. Aber Sie, seien Sie doch vernünftig, Sie sind doch ein Fremder!« Das war so echt deutsch, daß ich mich in Berlin glaubte, wo ein Kellner mir erklärte, ich könne nicht Apfelstrudel mit Eiscreme bestellen, denn »es paßt nicht«. <Kein Wunder, daß die Tschechen sich in dieser Pogromaffäre geirrt haben.) Ich holte zu einem letzten Schlag aus. »Sind Sie dazu da, Bücher zu verkaufen oder ein Museum zu erhalten.« »Natürlich Bücher zu verkaufen, aber es ist meine Pflicht, darauf zu sehen, daß die Käufer auch Freude an ihnen haben. Dieses Album aber wäre für Sie nur eine Last. — Aber wenn Sie vielleicht Ansichtskarten wollen, können Sie kaufen soviel Sie wollen.« Wie sehr er sich auch in diesem Falle geirrt haben mochte, in der Hauptsache hatte er recht. Er hatte eine Kaufmannstheorie aufgestellt, an der unsere Gesellschaftsordnung gesunden könnte. Wenn wir, ehe wir etwas kaufen, immer erst prüfen wollten, ob wir, sei es einen Schlüsselring, ein Auto, einen Rad io=Apparat, es auch wirklich dringend benötigen, wieviel kostbare Energie könnte erspart werden von der Erfindung angefangen zum Erzeugen, Transportieren, Unterbringen, Verkaufen, Einkaufen, und vor allem beim Geldverdienen, um diese Welt von Dingen zu kaufen, für die keine bedingungs^ lose Notwendigkeit besteht. Und ist das richtig, so kann man füglich auch dem Leser ersparen, sich 365

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