Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 9 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 303 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DER GRAPHIKER MAX LIEBERMANN MAX LIEBERMANN ginnt mit der Verwendung des weißen Papiers als Kontrastwert. Aus dieser Zeit stammen die ersten schönen Kaltnadelblätter, zumeist ganz zarte Landschaften, und die Meisterleistung der »Netzflickerinnen« (1894), die in ihrer Gebundenheit und ihrem Zusammenhang mit der Natur ganz erdhaft gewachsen sind- Wenn ich psychische Voraussetzungen für diese Art von Blättern Liebermanns vermuten darf, so möchte ich sagen, daß sie aus schweren, vielleicht sogar gedrückten Augenblicken eines Menschen geboren sind, der im Grunde heiter ist und sich durch die Arbeit ausgleicht. So bleibt in den Blättern die Stimmung ihres Anlasses, während das Können der sie schaffenden Person* lichkeit ihnen das künstlerische Gleichgewicht gibt. Von Liebermann stammt der bis zum Überdruß zitierte Satz, den ich hier "wiederhole: »Zeichnen ist Weglassen«. Dieser Satz ist für Liebermann wesentlich. Ein Künstler wie Liebermann, der immer vom Realen ausgeht, muß »weglassen«, um die Reinheit eines Bildes zu erreichen. Das Gefüge einer Landschaft, ihre Architektonik ist nur in offener Linie wirklich klar zum Ausdruck zu bringen. Daher mag es kommen, daß Liebermanns Kaltnadelradierungen, trotz ihrer unendlich graziösen Zartheit, so kraftvoll die Struktur, den Aufbau einer Landschaft veranschaulichen können. Andererseits liegen in den geätzten Blättern Schönheiten, die der kalten Nadel kaum zugänglich sind,- so geht denn Lieber* mann, wenn er das Spiel von Licht und Schatten wiederzugeben zum Zweck seiner Arbeit macht, zum Ätzverfahren über. Seine Liebe aber bleibt bei der Nadel, mit der er seine auf knappste Formulierung des Darzustellenden gehenden Ab- HEERENGRACHT IN AMSTERDAM sichten verwirklichen will. So entstehen Blätter, in denen das Wesentliche im Objekt von allen Zufälligkeiten entblößt ist: wirklicher Ausdruck wird gefunden, und das möchte ich den wirklichen Expressionismus nennen im Gegensatz zu jenem, der — völlig unkontrollierbar — psychische Affekte wiederzugeben versucht, die sich bei näherem Hinsehen künstlerisch als Defekte entpuppen. Aus dieser Liebe für knappe Formulierung, für Durcharbeitung des Motivs, folgere ich Liebermanns Abneigung gegen die Lithographie. Was dem Bild* hauer der Ton ist, wenn man die Charakterlosigkeit eines Materials oder einer Technik in Betracht zieht, ist dem Maler die Lithographie. So macht man Plakate oder Illustrationen. An sich ist auf den Stein zu zeichnen keine Kunst. Liebermann, der diese Einwände gegen das Verfahren gewiß bewußt gehabt hat, verwendet die Lithographie auch nur als Epiker. Wenn er den Text eines Dichters ver* bildlicht, wenn er aus reiner Vorstellungskraft arbeitet, lithographiert Liebermann. Aber er tut es ungern, er hat <relativ!> nicht viel Steindrucke gemacht, seine Neigung zieht ihn zu Arbeiten nach der Natur,- zweckhaft ist Liebermanns Litho: als Beilage für Zeitschriften entstanden nach 1896 die ersten Blätter dieser Art. Ich habe bis nun nur von den Radierungen und Lithographien Liebermanns gesprochen, nur von den rein graphischen Arbeiten, noch nidit von den Zeichnungen. Und doch sind es gerade diese, an denen Liebermanns Gewissenhaftigkeit, sein Ringen nach Qualität am ehesten zu erkennen ist. Er hat vom Augenblick an, in dem er Maler zu werden beschlossen hat, also schon im Steffeckschen Atelier 303