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Das Zelt · 1924-09-01 · Heft 9 (September 1924) · p. Seite 302

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 9 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 302 (sequence 5)
Language
German
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DER GRAPHIKER MAX LIEBERMANN Klassizismus aufzusteigen. Diese notwendigen Versuche, dieses Tasten, diese vielfachen Proben und Erprobungen waren für gewissenhafte Schwarmgeister, damit sie zu Qualität gelangen, ebenso erforderlich, wie »geborene« Künstler bei ihrer ruhigen Entwicklungslinie bleiben müssen, um sich Qualität zu bewahren und das Niveau ihrer Arbeiten, wo das möglich ist, noch zu heben. Dieser zweite Fall des gewissenhaften Künstlers ist in Max Liebermann Ereignis geworden. Der kunsthistorische Wert Liebermanns liegt gleicherweise in seiner Malerei wie in seiner Zeiche nung und Graphik, speziell in der Radierung. Daß das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts in der Geschichte der deutschen Graphik überhaupt eine Rolle spielen kann, ist Liebermann zu danken. Liebermann hat Max Klinger abgelöst. Und das hat er so gründlich getan, daß vom Radierer Klinger als schulbildendem Meister keine Spur zurückgeblieben ist. Liebermann selbst ist Lehrer geworden. Die beiden qualitativ stärksten berliner Graphiker Lovis Corinth und Max Slevogt kommen aus der Schule Liebermanns. Nicht daß er tatsächlich ihr Lehrer gewesen wäre, aber auf die Schaffung einer Atmosphäre kam es an, in der sich Künstler wie die zwei genannten frei entfalten konnten. Nach Jahren der Arbeit in Paris ist Liebermann nach Holland gegangen und hat dort von Josef Israels die entscheidenden Anregungen erfahren. Von dem Holländer hat der Berliner das Sujet übernommen: Bauernszenen und Dünenlandschaft. Auch sind diese ersten Radierungen Liebermanns <um 1890) noch ganz malerisch gearbeitet,- auf flächige Wirkungen ausgehend, verwischt Liebermann den einzelnen Strich und deckt ängstlich das Weiß des Papiers. Noch ist er sich des Materialwertes an sich nicht bewußt, schon aber hat Liebermann vor Israels das Wichtigste des Modernen voraus: den Raum. Und noch etwas: er vermeidet die sogenannten »belebenden Details«, er ist sparsam und gelangt dadurch zu vereinheitlichender Wirkung. Um die Mitte der neunziger Jahre vollzieht sich die Wandlung Liebermanns,- vom Malerischen fort, geht er zu zeichnerischen Elementen über und be= MAX LIEBERMANN EINZUG DER TRUPPEN ÜBER DEN PARISER PLATZ (1814) 302

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