Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 289 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHES IN DER TSCHECHISCHEN LITER Ä TUR DES XIX. JAHRHUNDERTS ALFRED JUSTITZ aber das Christentum mächtiger zu werden begann, vergiftete es Rom und führte seinen Verfall herbei. »Im Glanz der hellenischen Sonne« enthält zwei biblische Gedichte: »Die Wüste« (Moses führt die Juden aus Ägypten durch die Wüste ins Gelobte Land) und »Saul«. Im »Gift aus Judäa« verherrlicht der Diditer die Schönheit Palästinas <»Die palästinensische Landschaft«, «Die Landschaft von Galiläa«), er berichtet von einem jüdischen Gefangenen, der mit der 15. römischen Legion aus Palästina bis an die Donau kam, wo er den Tod fand <»Carnun* tum«) und behandelt das Schicksal einer jü* dischen Geliebten des Königs Titus <»Bere* nice«>. Aus dem Buche »Barbaren« wäre das Gedicht »Ein Jude schreitet über das Forum Romanum« hervorzuheben. Darin zeigt uns Machar einen Juden des frühen Mittelalters, der über das römische Forum geht und mit Genugtuung die Trümmer jener Stadt betrachtet, deren Söhne einst seine Heimat verwüstet hatten. Er prophezeit den gegenwärtigen Machthabern, den Christen, daß einst auch auf ihr Haupt Gottes Faust nieder* sausen werde. Ziemlich schlecht kommen die Juden in den »Schlesischen Liedern« des Dichters Bezruc weg. Dieser donnert in wuchtigen Versen gegen die nationalen und sozialen Bedrücker seiner Volks* genossen in Ostrau und Umgebung, wobei manch hartes Wort auch die »jüdischen Blutsauger« trifft. Von den Erzählern der neueren Zeit seien die historischen Romanschriftsteller AI. Jiräsek undSiegm. Winter, die Verfasser von Dorfromanen Jos. Hole* cek, Jan Herben und Alois Mrstik sowie die modernen Romanciers Konräd,Vachek - und Medek ge* nannt. In der letzten Zeit nehmen die Juden Böh* SEITE AUS DEM GRUND. BUCH VON PRESSBURG Üt'.f,; sgjÄfc;***"1* *r^Miifr BILDNIS EINER JÜDIN ~t ■^rH^y^C^^X < mens tätigen Anteil an der tschechischen Litera* tur. Neben Vojtech Ra* kous, dem Verfasser des vielgelesenen Buches »Die Wojkowitzer und die Dorfjuden«, ver* dienen von tschechisch* jüdischer Seite Leda (Doktor Eduard Le* derer), Max Lederer, V. Vohryzek, von jüdischnationaler Seite der junge Dichter Fr. Gott* lieb hervorgehoben zu werden. Die Frage, ob die tschechische Literatur philosemitisch oder anti* semitisch ist, kann man nicht leichthin beantwor* ten. Es gibt tschechische Dichter und Sdiriftstel* ler, die dem Judentum freundlich gegenüber* stehen <Mächa,Nebesky Zeyer, Vrchlicky, Ma* char) und solche, die im antisemitischen Fahr* wasser segeln <Pravda, Neruda, Holeciek und Andere). Es wäre aber ungerecht, einen Dichter, der auf den oder jenen Fehler der Juden hinweist — und wer von uns Juden wollte behaupten, daß wir ganz fehlerlos dastehen — darum schon zum Antisemiten zu stempeln (Havlicek, Cech, Herben). Eines ist gewiß: der gebildete Tscheche kennt keinen Rassenantisemitismus, er bekämpft das Judentum höchstens aus nationalen oder wirtschaftlichen Beweggründen, weil er im Juden den Deutschen und den Ausbeuter sieht. Wo diese Momente wegfallen, nimmt auch der Antisemitismus ab. Es muß ferner zugestanden werden, daß die Juden in den böhmischen Ländern seit dem Hilsnerprozeß von größeren Ausschreitungen verschont blieben. Während die antisemitische Hochflut in mehreren europäischen Staaten gerade in der Gegenwart mächtige Wogen schlägt, macht sie vor den Pfählen der Tschechoslowakei Halt. Und das ist nicht zum geringen Teil das Verdienst des an der Spitze der Tschecho* slowakischen Republik ste* henden Man* nes, des Präsi* denten Th. G. Masaryk. IM MUSEUM DER STADT BRATISLAVA 289