Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 261 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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GEORG KARS VON JOSEF KALMER Aus der Sintflut von Bildern, die heute den Beschauer überflutet, die angeschwemmte Spreu vom Weizen zu sondern, haben sich für die Kunstkritik gewisse Gesetze gebildet, die oft den für die Literaturkritik geltenden analog sind. Wieder Anlaß, der Ursprung, kurz das Sujet eines Gedichtes erhaben sein, müssen, damit ein solches vom Kritiker überhaupt beachtet werde, so wie das geringste sprach^ liehe Versehen ein Poem nicht mehr rein erscheinen läßt, so verlangt der Kunstkritiker vom Maier, dessen Bilder, er zu betrachten und zu würdigen hat, als selbstverständliche Voraussetzung die Beherrschung der technischen Mittel, die das Künste werk erst zu einem solchen machen. Diese technischen Mittel sich anzueignen, ging der in Krafupy bei Prag am 2. Mai 1882 geborene Georg Kars nach Absolvierung einer Mittelschule auf die münchener Akademie. Ich kenne die Zeichnungen und Bilder des Kars aus jener Zeit nicht. Stuck war sein Lehrer, und wenn ich schon jetzt etwas zum Lobe des böhmischen Malers sagen darf: in den Bildern des Kars ist von Stuck keine Spur zu hnden, sofern man von einer immerhin denkbaren Abhängigkeit als Schüler sprechen wollte. Aber wenn er, Kars, sie nicht schon vorher gehabt hat, bei Stuck mußte er jene zwei Elemente fernen, die seiner Leistung die Grundlage für die Vollkommenheit geben. Ich spreche vom Vofumen und dem Raum in den Bildern von Kars, Nach fünf münchener Jahren ging der Maler auf die Wanderschaft. Einer kürzeren Reise nach Italien schließen sich längere Aufenthalte in Portuga und Spanien an, in welch letzterem Lande Kars Vefasquez und Goya kopierte, den ersten Realisten, dessen ein wenig skeptische Mystik ein herrliches Antitoxin gegen das literarische Heidentum Franz von Stucks abgegeben haben mag. Das gründliche Studium der spanischen Maler setzte Kars in Paris, wo er sich zu^ dauerndem Aufenthalte niedergelassen hat, durch gründlicheres der modernen Malerei fort. Da er Raumgebung und Volumen vollkommen beherrschte, galt es nur — zu malen. Kars hat sich von Effekten, die ihm ein zufälliger Pinselstrich vermittelte, wohl nie verblüffen lassen: bei keinem seiner Bilder wird man den Gedanken los, daß hier ein Schwerarbeiter am Werke war. Nicht daß der Beschauer das Gefühl hätte, hier sei viel Farbe weggekratzt und neue aufgetragen worden, stets drängt sich Einem der Gedanke auf: vor dem Malen ist die erforderliche Gehirnarbeit gewesen. Dieser Maler hat sich von seiner Bildwirkung niemals nachträglich überraschen lassen: er ist ein sehr bewußt arbeitender Künstler und daher in die Kategorie jener noch aufbauenden Künstler von der Art eines Cezanne einzureihen. Denn Kars hat seine Bilder gebaut. Seine Zeichnungen schon, jene feinen, aquarellierten Blätter, wie der »Kinderspielplatz«, haben Gerippe. Aus durchgearbeiteten Details, die ungezwungen in die Komposition eingereiht sind, klingt die Bildeinheit zusammen. Wenn im Anfang — wie in den Stilleben von 1912 — Brechungen der Harmonie von Kars noch willkürlich vorgenommen wurden, so wußte er sie, mit der Zeit sich entwickelnd, voll* kommen auszuschalten. In den Arbeiten, die nach dem Kriege entstanden sind, findet jede Rundung ihr Pendant, jede . Linie ihre Parallele,- in der Gliederung der Komposition ist keine Farb^ stufung unangebracht. Im Ineinanderspielen reiner Grundfarben in den »Zitronenpackerinnen« aus dem Jahre 1912 ist diese nur dem die Mittel virtuos beherrschenden Könner gegebene Qualität schon erreicht. Auch über das Abstimmen von Gestalten und Gegenständen aufeinander ist an dieser Stelle etwas zu sagen. Im Gemälde »Auf der Galerie«, etwa aus dem Jahre 1911, fällt die eigenartige Lösung des Raumproblems auf, die dadurch erreicht wird, daß zwei die knappe Btldfläche ausfüllende Körper gerade durch ihre Größe die Vorstellung großen Raumes möglich machen. Ein Ausschnitt nur ist zu sehen und doch wird das ganze Theater denkbar. Der psychische Ausdruck der dargestellten Gestalten, ihr seelischer Gehalt, kann nur erwähnt werden. Der ganz erotischen, unsexuellen Grazie seiner Akte ist kaum vor reiner Landschaft oder Interieur der Vorzug zu geben, so oft sind die Themen miteinander verflochten, so oft schon ist eine Vereinigung der im bürgerlichen Zeitalter zugunsten einer falsch: aufgefaßten Individualität verloren gegangenen Sonderdisziplinen erreicht. Diese Synthese ist nicht vorbedacht, Kars' Erwä^ gungen sind nie auf theoretische, vielmehr immer nur auf malerische Probleme gerichtet. Der »Akt im Freien« aus dem Jahre 1921 ist {neben dem 261