Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 252 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DER SCHINDERKNECHT AUT DER MAUER schreit Jemand: »Franzek MrSak, aufgepaßt! Ein schönes Stück Ware für dich!« Und es fliegt ein toter Hund in den Saal* — ein längst verwester Kadaver, schön grün und aufgedunsen und mit bloßgelegten Zähnen, Würmer tummeln sich in dem räudigen Fell. Der arme Franzek! Er wollte wegrennen. Aber Alle hielten ihn zmü(k, er mußte den krepierten Hund in die Hand nehmen, und mit ihm durch die Stadt laufen, im Sonntagsanzug, geradewegs vom Fest, verhöhnt, vertrieben für immer, von seiner Peptscha ... Er hat geheult vor Wut und Schmerz, warum werden alle Menschen auf der Welt als Menschen genommen und nur ich, der Schinderknecht, bin ausgestoßen . . / Und wie er so läuft, kommt ihm aus der Pinkasgasse ein jüdischer Hausierer entgegen und sie stoßen zusammen. ,Kannst du nicht aufpassen, schmutziger Handlee?', schreit der Franzek wütend, und will mit dem krepierten Hund auf den Juden losschlagen. Aber der ist schnell davon. Da ist dem Franzek Mrsäk eingefallen, daß es noch Menschen gibt, die verächtlicher sind, als ein Schinderknecht. ,Aber die haben es verdient', schrie er sich zu, als er in den Hof der Abdeckerei kam, ,Einer von ihnen hat unseren Gott verhöhnt, als er zur Hinrichtung ging . . . Die sollen die schmutzigen Geschäfte besorgen . . . Und wie sie sich noch breitmachen! Dieser stinkende Hausierer wäre fast in mich hereingestoßen. Und mit ihrem Friedhof rücken sie uns ganz auf den Leib, ~- ihr neues Grundstück reicht bis an unsere Mauer. Warum nehmen sie nicht gleich unsere ganze Schinderei dazu? Freilich,- ein ehrlicher Christenmensch darf nicht in den Tanzsaal kommen! Ich darf nicht mit der Peptscha tanzen, ein frommer Christenmensch! Und die Juden, die unseren Herrn gekreuzigt haben, und verspottet auf seinem letzten Weg, die machen sich dabreit. Sollen 5/>den krepierten Hund begraben, die Spötter des Heilands. Ich schenke ihn ihnen, für den neuen Friedhofsteil!...' Und deshalb warf Franzek MrSäk den Hund zu den Juden ...« Aber warum hat man ihn hier eingescharrt? »Was sollte man machen? Ihn wieder hinüberwerfen, damit ein Geschrei losgehe, die Juden schmeißen Aas über ihre Friedhofsmauer? Oder den Abdecker auf den Friedhof holen lassen? Sie haben ohnedies unter der Nachbarschaft viel zu leiden gehabt, der Henker und die Schinderknechte haben ihnen angetan, was sie nur konnten, besonders in den letzten Wochen, da sie den Friedhof bis hart an die Abdeckerei vergrößert hatten. So hat die Chewrah den Vorfall der Behörde gemeldet, — das mußten sie seit dem Tod des Knaben Simon Abeles, von dem man behauptete, er wäre erschlagen worden, weil er zum Christentum über^ treten wollte, und insgeheim eingescharrt, — seit jener Zeit mußten die Juden jede Arbeit auf dem Friedhof anmelden, — und dann begruben sie den Hundekadaver auf dem noch jungfräulichen Teil des Friedhofs . . . Eine hübsche Geschichte, die von dem Franzek MrSäk und dem toten Hund, nicht?« Er erfuhr das Lob, nach dem ihm zweifellos verlangte, weil er die Geschichte oder wenigstens ihre Details (wahrscheinlich auf Grund vorhandener Bestimmungspunkte) soeben aus dem Stegreif erfunden hatte. Deshalb hatte er sich drängen lassen, deshalb seine Unterbrechungen. »Warum versteckt man gerade dieses Grab?!« Er stieß mit den Füßen die Efeuranke fort. »Kann ein Hund nicht gut sein und treu sein, auch wenn er verflucht ist und räudig? Warum läßt man gerade ihn im Tode nicht in Ruhe? Warum schleus dert man ihn in einen Tanzsaal und verbirgt sein Grab?« Er beugte sich über den Stein und begann zu beten. Dann suchte er wieder ein JSteinchen aus seinem Hausierersack und legte es feierlich auf die besonders spitze Kante der Grabtafel. »Vielleicht war er noch ganz jung, der Hund da, und Gott tat ihm die Gnade, ihn schon sterben zu lassen — — —« PRAG, JUDüNFRIEDHOF GRABSTEIN DER SARAH KATZ AUS DEM JAHRE 4366 252