Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 251 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133284--315-3133621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DER SCHINDERKNECHT AUT DER MAUER Hunde eingefangen, die Katzenkadaver gesammelt, und die Pferde weggeführt, die zusammengebrochen sind! Freilich, er hat werktags die Mütze in die Stirn gedrückt und den Schnurrbart herunterhängen lassen, damit er am Sonntag ganz anders aussehen könne. Sonntag hat er sich gewaschen und gestriegelt und den Schnurrbart aufgezwirbelt, und wirklich, Niemand konnte ihn erkennen. Da ist er über die steinerne Brücke gegangen, — sagen Sie, steht noch das ,Kodosch, Kodosch, Kodosch' auf der steinernen Brücke?« Gewiß, sie steht noch dort, die hebräische Inschrift auf dem Kruzifix. »So. Ich weiß es nicht. Ich gehe niemals über die steinerne Brücke. Lieber lasse ich mich mit der Fähre übersetzen.« Warum gehen Sie nicht über eine andere Brücke? »Ja, seitdem andere Brücken da sind, gehe ich über irgendeine. Aber an dem ,Kodosch, Kodosch, Kodosch' gehe ich nicht vorbei...« Kannten Sie den Juden, der die hebräische Inschrift auf dem Kruzifix errichten lassen mußte? »Nein, ich kannte ihn nicht. Es war auch gar Keiner. Das hat der Graf Pachta von seinem Geld bezahlt . . .« Aber entschuldigen Sie, es steht doch am Sodtel in drei Sprachen ausdrücklich: »Dreymaliges Heilig, Heilig, Heilig aus dem Strafgelde eines wider das heilige Kreuz schmähenden Juden, aufgerichtet von einem löblichen Apellationstribunal im Herbstmonat 1754.« »Ja, ja, das haben sie hingeschrieben. In Stein gemeißelt, — eine Lüge, in Stein ge^ meißelt, wie die vielen hier auf dem Friedhof. Warum haben sie nie gesagt, wer der Jud war, der dort geschmäht hat? Keiner weiß etwas davon! Ein Jud ist froh, wenn er selbst nicht geschmäht wird.« Warum steht es also dort? »Das steht dort zur Verhöhnung für Einen, der geschmäht hat, — aber das ist schon lange, lange her. Jahrtausende schon, und Gott selbst hat ihn gestraft . . .« Der Alte schwieg still. Ich kam wieder auf Franzek Mrsak zu sprechen. Wohin ging er denn am Sonntag, so aufgezwirbelt und geputzt? »Ja. Da war ein Gasthaus beim Sandtor, dort wurde getanzt, ich weiß nicht mehr wie es geheißen hat. Der Franzek MrSäk war immer dort, aber Niemand hat OTTO GUTFREUND gewußt, was er ist. Und eine Peptscha hat er geliebt, — damals haben fast alle Mädels Josefine geheißen und alle Burschen Josef — und ein Nebenbuhler war eifersüchtig. Dem ist es verdächtig vorgekommen, daß der Franzek nicht sagen wollte, was für einen Beruf er hat, und daß er nach Schluß der Tanzunterhaltung immer so verschwunden ist. Da ist er ihm einmal nachgegangen und hat gesehen, daß der Franzek in die Schinderei verschwindet. Da hat er alles gewußt. Gleich hat er sich mit seinen Freunden verabredet . . . Na, und wie am nächsten Sonntag der Franzek in den Tanzsaal kommt und die Peptscha auffordern will, 251