Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 248 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DER SCHINDERKNECHT AUF DER MAUER VON EGON ERWIN KISCH Er unterbrach sich. Hastig, als hätte er etwas nachzuholen, weil er sich mit Harmlosem aufgehalten, ergriff er mich beim Arm: »Kommen Sie, ich werde Ihnen etwas zeigen?« Mich hatte schon lange vorher die Gelenkigkeit des Greises überrascht. Jetzt aber mußte ich maß* los über die Geschwindigkeit staunen, mit der er einem Ziel zustrebte. Er rannte. Den Rabbiner* weg quer überspringend, blieb er im Rasen stehen, der an der Friedhofsmauer zur Salnitergasse hoch wuchert. Eine dicke Efeuranke, die hier zwei* oder dreifach geschlungen war, schob er mit den Füßen beiseite. Ein schmaler Grabstein wurde sichtbar, der zum weitaus größeren Teile in der Erde versunken war. Mit geradezu jubelndem Gesichtsausdruck wies der Fremde auf dieses Grabmal hin. »Bekanntmachung für kommende Geschlechter...« las er die erste Zeile vor, und fragte mich: »Kennen Sie das Grab?« Nein, ich kannte es nicht. Ich war auf dem Kies stehen geblieben und sah das Grabmal an, das auf der anderen Seite das einzige war. Warum lag es abseits? Warum ragte, nur ein so auffallend kleiner Teil aus der Aufschüttung hervor? Warum war es so sorgfältig von Efeu umkleidet? Nie hatte ich es bemerkt, nie war ich von einem Führer darauf aufmerksam gemacht worden, niemals habe ich in einem der Bücher, die über den prager Friedhof Aufklärung geben, auch nur die geringste Erwähnung davon gefunden. Und doch mußte es von besonderer Wichtigkeit sein, nicht bloß, weil es sich in solcher Isolation von den anderen hielt, sondern weil eine Bekanntmachung für künftige Generationen hier in Stein gehauen war. »Sie kennen es nicht?« Nein, ich habe es nie gesehen und nie davon gehört. »Das glaube ich Ihnen! Schauen Sie es sich gut an: das ist die einzige Inschrift, die nicht lügt!« Was steht denn darauf? Er beugte sich wieder über die Inschrift: p"sb föph iw nmirtb «sme rrr ♦..?bn?(pia mpe r^pw -nna ♦rrsp p'rn a-pDfi" Dp;er znzw i^r »Kurz nachdem dieser umfriedete Raum gekauft worden war, ist, wie aus dem Protokollbuch der Chewra Kadischah, Seite fünf, ersichtlich ist . . . mit Bewilligung der hohen Regierung . . .« Unter dieser Zeile begann die Hügelwelle — »Weiter kann man nichts lesen!« Warum nicht? »Warum nicht! Warum nicht!« Er schlug ein Lachen auf, das die intakte auffallend große Zahn* reihen des Greises, die Kiefer eines Tieres, plötzlich zerbissen. »Warum man nicht weiterlesen kann? Weil darunter die Wahrheit steht! Nur deshalb!« " Wer ist denn hier begraben? Er beugte sich eindringlich vor: »Hier ist ein toter Hund begraben.« Wer? Er lachte wieder: »Ein krepierter Hund, so wahr ich lebe. Da unten, zwei Zeilen unter dieser, steht geschrieben: ,Po nikwar niwlass' — ,hier wurde ein toter Hund begraben«. Ein wirklicher Hund? Wie kommt der her? »Wie ein wirklicher Hund herkommt unter so viele Hunde, die hätten Menschen sein sollen, meinen Sie? Ja? Der Franzek Mrsäk hat ihn her* übergeworfen, der Knecht vom Schinder drüben.« Er wies über die Mauer. Weshalb? »Um die Juden zu ärgern, natürlich.« Er zuckte die Achseln, wollte die Mitteilung damit beendet wissen. Aber ich war damit nicht zufrieden. Viel* leicht war doch noch mehr als der eine Satz über diese Begebenheit zu erfahren, die das ganze Per* sonal der Romantik: Henker, Schinderknecht und Totengräber auf der romantischesten Szene, dem prager Judenfriedhof, vor verstecktem Grab auf* marschieren ließ. Ich versuchte ihm »ein Holzel zu werfen«, nach Interviewerart: »Also ein gehässiger Mensch gewesen, der Franzek Mrsäk?« »Gehässiger Mensch hin — gehässiger Mensch her. Er war kein gehässiger Mensch. Er war sogar fromm. Jeden Morgen ist er in die Kirche gegangen zu den Kreuzherren drüben. Und auf Kaiser Josef hat er geschimpft, weil er damals die Klöster auf* gehoben hat. Er war nicht besonders gescheit, der Franzek MrSäk, — aber ein gehässiger Mensch war er nicht, obwohl er es hätte sein dürfen. Ich bitte Sie, ein Schinderknecht! Er hat die wütenden 248