Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 242 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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DENKMÄLER JÜDISCHER TRAGÖDIEN BÖHMENS IN DER LITURGIE weder Greise noch Kinder geschont, nur die Taufe konnte den Juden das Leben retten. Um diesen Preis wäre aber das Leben zu teuer erkauft gzwesen und so sehen wir die Führer der Gemeinde, den gelehrten Rabbi Menachem und seinen Bruder, den Gemeindevorsteher, Allen voran in den Tod gehen. Kinder wurden geschändet, Synagogen erbrochen, Thorarollen zerfetzt, ja selbst der alte Friedhof, »Die Grabstätte meiner Väter«, wie Karo klagt, verwüstet. Fünfzig Jahre lang überlebte Karo diese Verfolgung, um dann 1439 auf ebendemselben Friedhofe seine letzte Ruhe zu finden. In dieser Zeit hat er wohl noch manche Judenverfolgung miterlebt. Aber nur eine noch, die durch den getauften Angeber und Hetzer Pesach^Pekr am 22. August 1400 hervorgerufene, bei der nach Lipman Mühlhausen 77 Juden gemordet wurden, verewigt er in dem Klageliede, das der Ritus der prager Altschul unter Nr. 136, als Pethicha für Mincha des Jomkippur verwendete »ephtecha«, das ein ergreifendes Gebet um Schutz vor Plünderern und Plünderinnen darstellt. Fälschlich einem Sohne Abigdor Karos wird häufig die Selicha Abraham ben Abigdor »ono elohe awrohom« <prager Ritus Nr. ioo> zugeschrieben. Abraham ben Abigdor war mehr als 20 Jahre Rabbiner und Haupt der Jeschibah in Prag, kurz vor seinem Tode mußte er noch den Schmerz erleben, nicht etwa die Plünderung'zügelloser, verhetzter Horden anzusehen, sondern den Beschluß des Hüters von Recht und Ordnung, des böhmischen Landtages, alle Juden aus Böhmen auszutreiben, aus dem Lande, das ihnen seit urdenk^ lieber Zeit Heimat gewesen war, in dem sie länger ansässig waren als irgend ein Volksstamm. Seine schöne Selicha »Der Notschrei der geäng^ stigten Gemeinde« wirkt herzzerreißend. Sie lautet nach Zunz: Möchtest du, der Väter Gott, nicht fern bleiben, Wenn Feinde uns aus unserm Heime treiben! Wir leben in schreckenvoller Not, O gib uns nicht preis dem grimmen Tod! Stets sinnen sie Tücke Uns zu plündern, uns zu plagen, L. SALOUN Uns zu brennen, zu verjagen, Töten möchten ihre Blicke. Lügenhaft sie uns anklagen, Und ihres Herzens Dichten, Sie auf mein Verderben richten, Sie auf mein Unglück Lieder singen. Mit Galle sättigen uns die Christen, Möchten an das Schwert uns bringen, Wenn sie nur das »Wie« schon wüßten. Du wirst auf unsere vielen Armen schauen, Müßten weit wir wandern,- Womit unser Leben fristen? Wer wird uns ein Haus erbauen? Die einen oder die andern, Ist von uns allen Deine Gnade abgewandt: So lasse uns durch deine Hand, Nicht durch Menschen fallen! Nicht ganz klar ist mir noch das Datum der »Geseras Pau* ker«,- zu deren Andenken alljährlich am Tage nach Schewuoth in der prager Altschul die ergreifende Selicha Meir ben Isaks: mi jodea rezitiert wurde. Dem Namen nach scheint diese Gesera verwandt zu sein mit der Geseras Tambour, von der außer dem Namen nichts historisch bekannt ist und die ein phantasievoller Erzähler trotz der offene kundigen Unmöglichkeit in den Beginn des XVIII. Jahrhunderts verlegt. Auf eine sachliche Verwandtschaft läßt der Umstand RABBI LOW schließen, daß bei der Geseras Tambour die Hauptrolle portugiesische Juden spielen, und die Altschul, die einzige Synagoge, in der die Geseras Pauker urkundlich bezeugt erscheint, in vielen Belangen portugiesischen Ritus gehabt haben soll. Allerdings muß noch eines ins Auge gefaßt werden, die Selichoth anläßlich der Geseras Pauker wurden am Tage nach dem Wochen^ feste rezitiert, die Verfolgung hat also wohl am Wochenfeste selbst stattgefunden und tatsächlich ist gelegentlich des ersten Kreuzzuges eine Juden^ Verfolgung in Prag am Wochenfeste 1096 beglaubigt. Damit würde übereinstimmen, daß man gerade die Selicha des zeitgenössischen Meir ben Isak für diesen Tag gewählt, damit auch übereinstimmen, daß gerade im Ritus der Altschul die von Abigdor Karo geschiU derte Verfolgung von 1389 die »junge« genannt wird. 242