Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 240 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DER BEWEIS es auf Ihr Gewissen nehmen, es zu dulden, dann haben Sie die Wahrheit gesprochen.« Das Weib schrie nicht auf. Sie sah mit ausgerissenen Augen den Offizier an. Ihr war, als müßte sie etwas an ihm entdecken, wodurch er ihr nicht gar so unerhört wirklich und vorhanden erschiene. Er stellte sie vielleicht nur auf die Probe! Er ordnete einiges an. Zwei gingen fort, dann führte man den Bauern ab und bedeutete ihr, zu folgen. Der Offizier ging gar nicht mit. Es kamen andere Leute herein. Er führte seine übrigen Verhandlungen durch. Er würde also gar nicht dabei sein. Dies nahm ihr den letzten Mut. Sie stand dann dabei. Die Soldaten hatten Auf* trag, sie genau zu beobachten. Schon als sie den ersten Schritt ins Freie taten, als sie zur Tür hinaus auf den Hof kamen, schrie und wehrte sich der Bauer. Man mußte ihn zu dem übrigens recht eilig und unsorgfältig zusammengezimmerten Galgen hinschleifen. Hier warf er sich völlig zu Boden und wälzte sich umher, damit man ihn nicht gleich packen könnte. Er war ein großer, schwerer Mann. Drei hatten zu tun, ihn bis zum Strick emporzubekommen. Es schien ihnen geradezu Spaß zu machen. Es war eine Turnübung. »Also?« fragte Einer, der nur so dabei stand und sah die Frau an, die den Blick nicht von dem Verurteilten zu ihm zu drehen wagte. Sie ant* wortete nicht. »Ist ers?« Das Brüllen des Bauern war kein Brüllen mehr. Heiser kreischte er, hoch und immer höher wie ein Ferkel. Der Speichel schäumte um seinen Mund und tropfte vom Kinn hinab. Wird er besser, schlechter oder nur einfach wahnsinnig sein, wenn sie ihn jetzt loslassen? — Nein, das dachte sie nicht. Sie hatte nur Angst vor ihm, wenn er jetzt frei würde. Sie sah ihr Haus brennen und ihre Kinder im Blut liegen. Und was würde man ihr tun, wenn sie jetzt »nein« sagte? Würde sie vielleicht an seine Stelle kommen? Sie hatte »Ja« gesagt. Jawohl! Sie hatte es nicht selbst gehört und erinnerte sich nicht an die Mund* bewegung.- Aber sie mußte es gesagt haben, denn der Mann wurde in die Höhe gezogen und ver* drehte unnatürlich die Augen und verzerrte das Gesicht, als ob er sich vergebens über alle Maßen anstrengen würde, zu lachen. Das Schrecklichste aber war das plötzliche Abbrechen, Abhacken seiner Stimme. Als sie nach Soporowka zurückkam, war Fieber in den Häusern und Straßen: »Die Russen kommen!« Sie lief, sprang durch die Gassen wie ein kleines Mädchen. Der Mann saß apathisch in der Stube unter seinen Kindern, die ihn scheu umstanden. »Rasch, rasch!« Sie packte alles Erreichbare zusammen. Die Russen mußten sie doch in Stücke zerreißen! Wenn sie ein Herz im Leibe hatten, mußten sie es tun! Nirgends war ein Gefährt aufzutreiben. Sie eilte zum Militärkommando. Es war nur mehr ein subalterner Offizier da. Sie warf ihm mit bösen Augen vor, was sie für ihn, für seine Obrigkeit getan habe. Er sah es ein und stellte ihr einen Munitionswagen zur Verfügung. Er hatte nichts anderes. Man saß schlecht, aber man kam ziemlich schnell vorwärts. Ihre Erregung ließ freilich gar nicht nach, als sie nun untergebracht und gerettet, andere Trupps von Flüchtlingen überholten, die Stadt rasch außer Sicht war und sie bald eine ganze Reihe von Dörfern passiert hatten. Sie wurde nur immer erregter, da sie ruhig saß und sich nicht mehr bewegen brauchte. Es war, als ertrage sie es nicht. Sie sah ihr Gesicht vor sich, durch einen Strick vom Körper getrennt und der Bauer stand vor ihr mit der Miene, als strengte er sich vergeblich an, zu lachen und wies auf sie und nickte. »Also?« fragte der Offizier und sah sie an, »ist sies?« »Nein, nein, sie ist eine Patriotin! Wenn überall die Bevölkerung so wäre, stünde es noch ganz anders um uns!« schrie sie und wand sich und wollte vom Wagen springen, da sie es nicht mehr ertrug, so still zu sitzen. Mit Mühe hielt ihr Mann sie fest und redete ihr zu. Sie hörte nicht, was er sagte. Er mußte sie später an den Koffer binden, auf dem sie saß, wollte er sie mit sich fortbringen. Und es wurde nur immer schlimmer. So fuhr er mehrere Tage und Nächte mitsamt den acht Kindern in der Eisenbahn durch das fremde Land und es dauerte endlos lange, ehe sie in eine Stadt kamen, wo er sie in einem Irrenhaus unterbringen konnte. 240