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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 239

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Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 239 (sequence 12)
Language
German
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DER BEWEIS »Nein,« sagte sie verwundert, sie würde doch so ein Papier nicht zu sich ins Haus nehmen! Sie würde glauben, es müsse ihr die Finger verbrennen. Er notierte dann alles in sein Notizbuch und sagte, man würde der Sache nachgehen. Sie war, als sie heimging, ein wenig enttäuscht, wenn sie sich auch dessen schämte. Sie hatte gedacht, er würde über solchen Dienst einer einfachen Frau erfreut, ja gerührt sein. »Sie sind eine gute Patriotin,« würde er sagen, »wenn überall die Bevölkerung so wäre, stünde es noch ganz anders um uns!« Oder etwas Ähnliches. Nun, vielleicht war dergleichen nicht so selten. Vielleicht kam es alle Tage vor. Und die Gelassenheit des Offiziers beruhigte sie auch wegen Choroschtschows. Er war ja ein böser Mensch, ein gewalttätiger Süffling und dennoch war es ihr schrecklich gewesen, zu denken, daß sie dahinging, ihn zugrunde« zurichten. Nun sah sie, daß ihre Auffassung des Ganzen wohl überhaupt übertrieben war. Und sie vergaß die Sache beinahe. Sie hörte später, daß der Mann verhaftet worden sei. Das war ja schließlich das Mindeste, was er verdiente. Aber sie bekam doch Herzklopfen, wenn sie sein Weib von ferne sah und wich ihr aus. Es war eine arge Zeit,- täglich kamen Flüchte linge in sehr üblem Zustand durch das Dorf. Immerfort flackerten Gerüchte auf: die Russen kämen wieder,- eine große Schlacht sei verloren, irgendwo ständen sie schon tief in Ungarn. Viele rüsteten zur Flucht, namentlich Die, die während der ersten Russenzeit dageblieben waren. Angstvoll legte man sich abends zu Bett und wußte nicht, ob der Feind am Morgen nicht im Orte sein würde. Da kamen einmal des Nachts, etwa um eins nach Mitternacht, polnische Legionäre und trommelten, da sie große Eile hatten, beim Kaufmann Chaim Garnierer ans Fenster. Er schloß hastig auf: »Die Herren wünschen?« »Die Frau möge sich fertig machen, schnell! Sie müsse mit ihnen kommen.« Dem Mann fiel die Kerze aus der Hand. Er büdrte sich und könnte sie nicht gleich finden. Er tappte mit zitternden Händen umher und vergaß, was er suchte. Seine Frau? Ob sie sich nicht irrten? Nein, nein, Frau Bejle Garnierer. Die Adresse sei genau angegeben. Und warum? Ob sie nicht sagen könnten warum? Es müsse doch, um Gottes, des Allmächtigen willen ... Es sei doch nicht zu verstehen, daß man die mitten in der Nacht . . . Sie wüßten nicht,- man habe ihnen nichts weiter gesagt. Die Frau war inzwischen stumm in die Kleider gefahren und nahm Abschied von den Kindern und dem Manne, der nicht mit durfte. Der Mann trug ihr noch ein Tuch nach. Es war so kalt draußen! Es ging sehr eilig über die aufgeweichte dunkle Landstraße. Der Regen wollte nicht aufhören. Die Legionäre waren wegen des schlechten Wetters übel gelaunt und machten große Schritte. Sie konnte sich kaum mehr auf den Füßen halten, als sie endlich in der Polizeiwachtstube vor dem Offizier stand, der sie hatte holen lassen. Auf dem Wege hatte sie tausend Vermutungen durchgedacht und wieder verworfen und sich gemartert, in ihrer Erinnerung eine kleinste verbrecherische Handlung aufzufinden, die vielleicht von böser Seite zu einer ungeheuerlichen Anklage hätte ausgenützt werden können. Er hieß sie setzen und nahm mit ihr ein Protokoll auf. Er war durchaus nicht unfreundlich, entschuldigte sich sogar wegen der nächtlichen Stunde. Das Feldgericht solle morgen verlegt werden und da müsse man alles Nötigste noch rasch erledigen. Wer weiß, ob man dort die Zeugen für die betreffenden Prozesse von hier zitieren konnte. Und er ließ sogleich den Bauern rufen. Choroschtschow kam mit einem grauen eingefallenen Gesicht und setzte immerfort zum Reden an. Es wurde nicht sehr lange mit ihm verhandelt. Er leugnete auch Frau Garnierer ins Gesicht, ob« gleich sie ihn an Ort und Menschen und Stunde genau erinnerte. Da die Proklamation wirklich in ziemlich zahlreichen Exemplaren in dem Dorf gefunden worden war, schenkte der Offizier der Frau ja Glauben. Aber ein richtiger juridischer Beweis war das natürlich nicht. Er dachte nach: Sollte er den Delinquenten nach Neu«Sandez mit« schleppen, um ihn dort zu hängen? Das hatte doch keinen Sinn! Der Mensch schrie und schwor noch immer mit der beredsamen hilflosen Leidenschaftlichkeit von Menschen, die nicht zu reden verstehen. Wie ähnlich ist die Angst der Unschuldigen der der Schuldigen, und Zeugen können sich irren. Der Offizier sah die Frau scharf an: »Es ist doch kein Racheakt von Ihnen?« Sie schüttelte entsetzt den Kopf. Was Menschen denken können! Er erhob sich: »Ich werde Ihnen etwas sagen: Sie werden bei der Hinrichtung anwesend sein. Jetzt gleich, verstanden? Können Sie 239

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