Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 237 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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WURZEL WAR T5 speare ßeaßsicßtigte seinem Mitte faher den Juden keineswegs dem Spotte des Cfowntums preis* zugeßen, es wäre gfeicßßedeutend gewesen mit dem Spotte an einem Gefesseften oder Krüppef, der wohl vorkommen kann, aber noch immer keinen Clown bedeutet. Im Alltagsleben kommen gewisse Arten unbewußter Komik hervor,- diese werden aber in der Poesie auf eine rührende, zum Qberlegen führende Wahrhaftigkeit umgeändert. Wenn die mittelalterlichen Juden Clowne ihrer Zeitgenossen waren, können sie doch nicht ohne ganz besondere Individualisierung auf der Bühne bestehen. WURZELWÄRTS VON OTTOKAR FISCHER Als hätt den Fuß ich auf ein Moor gestellt, Hinab, hinab! Und immer tiefer fällt mein Leib, Erinnern schwert, weiß nicht wohin, und in hellendes Dunkel stürz ich dahin. Ein Land, das Sterben nicht, nicht Leben beut, empfängt midi rings — die dumpfe Kinderzeit, doch weiter, tiefer fall ich. Nimmer ich: In fremde Leiber gießt mein Atem sich, bin nun vor Liebe für das Leben blind, der durch die Stadt ich ruf, nun Pfröpfling bind, schau durch die Brille Schriftgelehrten^Plunder, nun betend sing das Erbe süßer Wunder, nun schleif ich Edelstein, wohn unterm Maurendache und falle weiter, — tiefer, — und erwache. Von Erdenpilgerfahrt ist meine Seel durchfegt: Die Masken ab! Der Heimkehr Stunde schlägt. So oft ich lache, bluten tausend Wunden. . . Der Trauer Edelinge: Immer — Vagabunden, sie zogen sturmgepeitscht durch Sand und Sund, die Blicke rätselschwer, die Seele sehnsuchtswund. Sie zogen pilgernd weit und immer weiter, ein Sklavenheer, doch Gottes Wegbereiter. Prophetenvolk, dem Gott den Odem lieh! Zu ihnen zähl ich. . . Und ich hasse sie! Ich lach des Betens Derer, die verjagt — und bin mit Flacker-Hohn und Flucht geplagt. Des Stolzes spotte ich der reinen Rassen — und will als Geist und Herr mein Land umfassen. Ich scheu die Spur, da einst mein Stamm gegangen — und bin die Wüste selbst, drin Israel gefangen. Ich schwärme stets, wenn mich die Welt verließ, träum traurig, zielberaubt vom Paradies. Hab neue Brüder nun. Ihr Ziel. Ihr Angesicht, Bin weniger. — Bin mehr. Ein Gleicher nicht. Bin auserwählt. Bin alt und jung. Und doch: Ein Fremdling. Gast. Mestize immer noch. Verschieden so vom Volk, des Lied ich singe, doch Deserteur des Bluts aus dem ich dringe, bin ich verflucht, bin glücklich. Nimmer ich, nicht meine Qual — nur menschlich — änderlich —, mein Lachen nidit, nicht eigen — echtes Leben. Aus mir grollt auf ein unterweltlich Beben,- der irre Weg, aus dem ich ausgeboren, hat mich zum Werkzeug seinem Ziel erkoren: aus mir der Zeiten Schichten, steile Schluchten ihr Sehnen sdirein nach Süße, die sie suchten,- aus mir, dem Tropfen, rauscht ein Meer der Not,- aus mir, ders nicht gekannt, stöhnt Ghetto-Tod. Nicht Seher, doch ins Dunkel luge ich,- will spielen nicht und bin ein Bogenstrich. Ich spreche nicht. Es spricht die Sippenseele. Ich singe nicht. Es singt in meiner Kehle. ÜBERSETZT VON ERIK SAUDEK. 237