Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 205 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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MARC CHAGALL Rimbaud einer der Sprache war. Und ein Konquistador an Phantasie. Was er an »Sujet« in die Malerei gebracht hat, ist absolutes Neuland. Für Chagall formal oder inhaltlich Gesetze aufstellen zu wollen, die kunsthistorisch faßbar v sind, hieße die Anarchie sanktionieren. Hieronymus Bosch ist im Vergleich zu Chagall ein krankhaft einseitiger Künstler gewesen, denn er hat beim Malen seiner Dämonen immer nur den Glauben an die Tortur gehabt, ohne zu sehen, daß der Mitmensch und das Leben die größere sind. Und wenn Bosch das Paradies malt, ist es krankhaft unwahrscheinlich, während Chagall sein Paradies im Menschen findet und dadurch näher wirkt. Zweifellos aber ist in beiden Künstlern der gleiche religiöse Kern. Bosch malte die Tortur des gläubigen Christen, Chagall malt die des Juden, und ohne daß das Religiöse betont wäre, gelingt es ihm religiös zu wirken. Diese Juden von verschiedener Farbe, von denen »der grüne Magid« der bedeutendste ist, kennzeichnen — falls man Chagalls stets in den Entwiddung durchbrochenes Werk gliedern darf — die mittlere Periode des Künstlers. Er hat schon früher Juden gemalt, er wird sie auch in Zukunft wieder malen, in der Zeit von 1914 bis 1917, nach Paris wieder auf russischer Erde, wieder in der Heimatstadt, in Moskau und in Petersburg, hat Chagall die Juden gemalt. Die Tortur des in der Galuth lebenden Juden ist in diesem Bilde »Über Witebsk«, wo Ahasver über den Dächern hinwandert wie die Phantasie Israels stets nach dem gelobten Lande zieht. Die Pariser Periode, das ist die Zeit der reinen Phantasie in ChagallsWerk jene Zeit, in der „Paris durchs Tenster", „Rußfand, den Esefnundden anderen", „ Vom Monde " „Kreuzigung" „laß und das Dorf und hundert andere Bilder entstanden sind, Bilder, von denen das Izbabild, das Bild der russischenBauernhütten, der Realität noch am nächsten kommt, wäfvrend in den anderen die Phantasie ihr freies Spiel treibt. In die Jahre nach 1917 £5 fallen dann neben sehr leuchtende Porträts und die schönsten Zeichnung gen Chagalls Landschaften. Ansichten von Witebsk, phantastische Landschaften allerdings, aber solche, in denen Chagall gezeigt hat, was er als »solider« Maler vermag. Ich führe »die blauen Dächer« an und den »Judenfriedhof in Witebsk« neben dem Bilde »Über der Stadt«, in dem wieder »das kos« mische Kind« durchbricht. Ein Liebespaar fliegt da über einer ganz realistisch gemalten Stadt: Entrückung durch Liebe. Hierher gehört auch das Bildnis der Gattin des Künstlers, das in seinem Grün und Schwarz sehr schön wirkt. Über dem Manne, der wohl Chagall selbst sein soll und vor einer Wiege sitzt, erhebt sich dreifach groß im Verhältnis zu ihm das edle Angesicht des Weibes, das über die Familie wacht. In diesem Bilde sehe ich schon den neuen deko« rativen Chagall, der nach zwecklos in Deutschland verbrachten Jahren wieder nach Paris zieht, der Wahlheimat, in der gemalt und nicht phantasiert wird. Der Expressionismus, den Chagall ja mit« erschaffen hat, ist tot: eine neue Periode beginnt, eine naturalistische, in der dem Auge wieder das Recht eingeräumt wird, das ihm bei jedem Maler zusteht. Im Vierunddreißigjährigen wird nur die geklärte Seele regieren und ein ruhig gewordenes Gehirn hat die Kontrolle über eine geläuterte Arbeitsweise übernommen. In diesen Jahren beginnt Chagalls neuer Aufbau. Vielleicht hat das Beifallsge« schrei der Li« teraten ihn bei seiner phantastischen Arbeit ausharren las« sen ,• die Ernüchterung wird ihn zum großen Künstler des Juden« tums machen. Chagall ist auf dem Wege. 205