Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 189 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS Z E LT JUNI I. JAHRG. 1924 HEFT 6 ARNOLD SCHÖN BERG VON ERWIN FELBER Die große Zeit der Klassiker und Romantiker ist längst dahin und »unser ist das Los der Epigonen«. Unser nüchternes, aufgeklärtes Zeitalter ist den Musen nicht hold, keiner aller Künste gelingt der ganz große Wurf und in allen Künsten zeigt sich im Einklang mit unserer naturwissenschaftlich^ technischen Zeit der Hang zum Experiment, zur Problematik, zum noch nicht Dagewesenen. Und doch liegt allen diesen Versuchen eine gewisse Gesetzmäßigkeit zu Grunde,- wie wäre es denn anders zu erklären, daß alle Künste die gleiche Entwicklung über den Impressionismus zum Expressionismus genommen haben, und daß in allen europäischen Kulturzentren trotz der vielen nationalen Verschiedenheiten der gleiche Weg von den Künstlern eingeschlagen wurde. Der gleiche Weg, der dem gleichen Ziele zustrebt: »Die Befreiung von den Fesseln überlebter Formen und Formeln und die Wahrheit und Folgerichtigkeit im Ausdruck.« Dies alles muß freilich einigermaßen graue Theorie bleiben, solange es nicht gelingt, zwischen Inhalt und Form, zwischen Material und Technik, zwischen der Überlieferung und den Erfordernissen der Gegenwart einen gerechten Ausgleich herbeizuführen. Solche Ausgleichbestrebungen in der Kunst sind nichts Neues. Wechseln doch in der abendländischen Musik seit Jahrhunderten Perioden der Hochblüte der Schaffenden mit Zeiten des Experimentes und des Überganges. Weder die klassische A cappella^ Kunst Orlando di Lassos und Palestrinas noch die Musik Bachs und Händeis oder die Schöpfungen Haydns, Mozarts und Beethovens sind voraussetzungslose Meisterwerke. Sie alle sind nicht nur Kinder ihres Schöpfers, beeinflußt von Umwelt^ faktoren, Landschaft, Klima usw., in ihnen wirkt sich auch eine vorhergehende Übergangsepoche aus, durch welche diese neue Zeit angebahnt wurde. Rückschauend erkennt man freilich durch den Schleier der Historie nur noch die ragenden Gipfel, nicht aber die im musikalischen Landschaftsbilde oft viel wichtigeren bescheidenen Hügel. Ja noch mehr: » Die Entfernung vom Gegenstande wirkt,« wie Schönberg in seiner 189