Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 166 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JACQUES LIPCHITZ eine charaktervolle Tierplastik, dann noch irgendeine fast belanglose Portraitbüste, 1913 eine weibliche Figur <an Archipenko, den Lipchitz kaum kennt, entfernt erinnernd), endlich 1914: dieses Jahr des Todes, es sollte'für Lipchitz vielleicht die quantitativ reichste Ernte bringen. In dieses Jahr fallen unter anderem der »Torero« und eine Plastik — ich möchte sie »Gaukler auf einem Pferd« nennen. Im »Torero« geht es um J. LIPCHITZ TORERO die Balance der Rauminhalte, der Gaukler bringt das Widerspiel der Materien. Es geht in allen diesen Werken nicht um die Nachbildung der Natur. Kannte Lipchitz etwa diese Worte Giuseppe Verdis, daß die Wahrheit nachzubilden gut, die Wahrheit zu erfinden aber besser sei? Instinktiv hielt der Künstler sich an den Grundsatz, etwas zu schaffen, Schöpfer zu sein, und so kam er darauf, »in der Erscheinungen Flucht« nicht das dem Bildner angemessene Statische allein zu suchen, nein mehr: zum Statischen noch den Rhythmus, der in Ding und Menschen schwingt, das Wesentliehe des Geschehens, das Movens. So entstand der »Guitarrespieler«, in dem Grundformen <Zylinder, Kreis usw.) gegeneinander ab^ und ausgewogen werden. Ist hier schon das Ziel zu sehen? Nein, gewiß nicht. Aber diese Plastik läßt am schärfsten die fortschreitende Entwicklung erkennen. Die Evolution, die dazu führen sollte, im freien Werk die Kräfte des Gehirnes spielen zu lassen, bei Portraitarbeiten aber das Zwedihafte solcher »oeuvres« zu erhalten : die Ähnlichkeit, und sie mit den Grundgesetzen von plastischer Einheit zu vereinigen, das heißt bei unbedingter Wahrung der Grundform — also der Kugel oder des Eies — durch scharfe Kerbungen die Prägnanz des Ausdruckes zu erreichen. Denn nur so sind beide Charaktere zu erhalten, der des Materials und der des Darstellungsobjektes. Und daraus ist etwa das Prinzipielle der Kunst dieses Menschen abzuleiten. Er hält daran fest, der Materie das Essentielle zu belassen,- aus der Masse wird herausentwickelt, vom Kern aus zur Schale. Ich sehe ihn vor mir, diesen Juden aus dem Osten, der Paris, die Stadt der konservativen Sensationen, aufgesucht hat, um ihr seine Erscheinung zu bieten, ihr einen Plebejer vorzuführen in Zwilchhosen und Wollsweater, den Mann der Arbeit, der allein imstande ist, neu zu bauen. Aber es kommt nicht auf ihn an, nur auf seine Arbeit. Als ich ihn nach Woher und Wohin fragte — seine Antwort stehe hier: je vous avoue — je suis en principe contre cela. D'ailleurs ma vie est si peu riche en pittoresque que je ne crois pas quelle puisse constituer un attrait quelconque. Ich habe ihm das geglaubt, denn durch Arbeit wird das Leben nicht pittoresk, äußerlieh nicht zumindest. Und der Zeugende ist innerlich. 166