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Das Zelt · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 143

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 143 (sequence 35)
Language
German
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JULIUSZ WOLF SOHN VON ERWIN FELBER KREIDEZEICHNUNG VON IRMA LAST Wenn der Wille zum Judentum und die gefühls« mäßige Ausschöpfung des Judentums in der schaffenden und nachschaffenden Kunst das Wesen des jüdischen Künstlers ausmachen, dann darf wohl Juliusz Wolfsohn, der immer sein Judentum betont, als jüdischer Musiker gewertet werden. Schon in seiner frühesten Kindheit lauschte der am 7. Jänner 1880 in Warschau geborene Tonkünstler daheim den jüdischen Märchen und Volksmelodien, die sich innerhalb des Judentums von Mund zu Mund fortpflanzen, dazu kamen später noch die musikalischen Eindrücke der Schule und der Synagoge. So ließen ihn die wohl« vertrauten heimatlichen Melodien nicht mehr los und als er bei Professor Nosfiowsßi in Warschau seine theoretische Ausbildung erlangt hatte, versuchte er mit Hilfe der abendländischen Technik die alten Melodien in ein neues europäisches Gewand zu hüllen, ohne sie des jüdischen Gefühlsgehaltes zu entkleiden. Ein schwieriges Unterfangen, bei dem es sich letzten Endes um eine Mischung heterogener Kunststile oder gar um eine Bastardierung verschiedener Arten handelte. Dem musikwissenschaftlichen Fachmann ist es von vornherein klar, daß durch dieses mechanische Gemenge jüdischer Melodien und europäischer Musikelemente in Form, Harmonie usw., die übrigens von Wolfsohn recht vorsichtig gehandhabt werden, keine lebensfähige Art entstehen könne, doch handelt es sich ja in diesen liebenswürdigen Bagatellen durchaus nicht um die Schaffung neuer Kunstwerke oder Kunst« werte, es genügte vielmehr und es war das Neuartige dieses Experimentes, daß jüdische Melodien dem europäischen Geschmack mundgerecht gemacht, popularisiert und so in immer weitere, nicht nur jüdische, sondern auch nichtjüdische Kreise getragen wurden. Manches, was den Juden kennzeichnet, wie etwa das fromme Gebet, das aus der Synagogal« musik in die Volksmusik hinübergenommen wurde, sein schwermütiges Wesen mit seinen mannigfachen Seufzern, mit dem Schluchzen in der Stimme und ähnliche Züge finden in Wolfsohns dankbaren Klavierparaphrasen über jüdische Volksweisen ihre wohlgeformte musikalische Gestalt. Neben jüdischen Elementen be« gegnet man in diesen Volksliedbearbeitungen nament« lieh Ausstrahlungen des Chopinschen Klaviersatzes. Kein Wunder, da Wolfsohn nicht nur in der Schule Micßafowsfiis in Warschau, sondern auch bei Raouf Pugno in Paris und bei Lescßetitzfiy und Ignaz Triedmann in Wien immer wieder in die Werke Chopins eingeführt worden war und so mit ihnen innig verwachsen ist. Chopin selbst hatte übrigens, was weniger bekannt ist, eine besondere Freude an jüdischen Volksmelodien, die er nach dem Urteile seiner jüdischen Zuhörer »wie ein geborener Jude« spielte,- Wolfsohn wiederum spielt den polnischen Nationalkomponisten wie ein geborener Chopin« Spieler: Er ist kein wilder Tastenstürmer, dessen Spiel Feuer aus der Seele schlägt, daß nur so die Funken stieben, sondern ein versonnener Klavier« poet, der in kleinen und kleinsten Chopin«Formen — etwa in den Noturnos und Preludes — mit seiner träumerischen Schwermut und dem milden Mondenglanz seiner weichen wohligen Klänge in eine ferne Traumwelt entführt. Zart wie sein Spiel ist auch sein Körper und doch lebt in ihm ein männlich fester Wille, der nimmer ruht, wenn er ein ihm erstrebenswertes Ziel erreichen will. Ich erinnere mich seiner immer neuen Versuche, trotz aller obwaltenden Schwierigkeiten eine »Gesellschaft zur Erforschung und Förderung jüdischer Musik« ins Leben zu rufen, ich entsinne mich seiner unermüd« liehen Propaganda, die er darob entfaltete und viel« leicht noch heute entfaltet. Neben seinen vielseitigen Interessen im Dienste des Judentums und neben seiner Laufbahn als Konzertpianist verwendet er seine Zeit und sein Talent als musikalischer Jugendbildner und zahlreiche konzertierende Vertreter des Klavierfaches verdanken ihm ihre Ausbildung. So hat er in mehr als zwanzig Jahren harter und zäher Arbeit den steilen Berg des Erfolges erklommen, auf dessen Höhe er durchaus nicht rastet, sondern voll nimmermüden Ehrgeizes zu neuen Erfolgen emporstrebt. 143

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