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Das Zelt · 1924-02-01 · Heft 2 (Februar 1924) · p. Seite 66

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 2 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
Seite 66 (sequence 33)
Language
German
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EIN ZUG DES HERRN ALFRED DREVFUS.- EINIGE ZÜGE MEISTER MONODS VON CHARLES PEGUV AnfäßfiaS der in den fetzten Tagen veröffentfiditen Dokumente, ivefcße die' Unsdiufd Dreyfus' einwandfrei feststehen, verdient dieser Aufsatz des im Kriege gefaffenen französischen Scßriftsteffers Pe'guy doppefte BeaStung. Die Arßeit stammt aus der Zeit des „J'accuse" und erschien in Pe'guys Zeitschrift „Caßiers de Ca Quinzaine", O'tt der auaj Roffands „Jean Cßristopße" ersajienj. Monod war ein Bekannter Historiker. Springen wir mitten in die Debatte hineingesehen wir das Objekt, die Person selbst/ sicher ist, daß ich von Dreyfus nichts sagen wollte, gesagt habe und saugen konnte, nichts, was dem Privatmann Dreyfus naheträte. Ich bin mir über alles Tragische, Fatale im Leben dieses Menschen klar. Aber daß gerade er nicht das Recht hat, Privatmann zu sein, ist die höchste Tragik, das Allerfatalste. Daß wir unaufhörlich das Recht haben Rechenschaft von ihm zu verlangen, das Recht und die Pflicht, allerstrengste Rechenschaft zu verlangen. Ich wußte auch sonst wohl, was das Leben dieses Mannes an Tragik, an Unglück birgt. Aber jene tiefe, fast väterliche Zuneigung, die er unserem alten Meister Gabriel Monod eingeflößt hat, ist das Rührendste, was ich von ihm weiß. Monod sagte mirs noch vor wenigen Wochen bei der Instruktion der Deputierten. Vielleicht später. Dreyfus hatte damals unter einem sehr nahegehenden, sehr schmerzlichen, verhängnisvollen Todesfall in seiner Familie zu leiden. Monod erzählte uns das mit tränenschwerer Stimme. Gleichzeitig sagte er uns, vielmehr sagte er es nicht, aber doch viel eindringlicher, als wenn er es gesagt hätte, wie sehr er Dreyfus liebe, so daß wir, ein wenig überrascht, betroffen lauschten, weil man diese tiefe Liebe nicht glaubt, nicht gefaßt ist auf diese tiefe Liebe, diese sentimentale Liebe, diese private, förmlich väterliche, selbst für Dreyfus väterliche Liebe. Wir wurden ein wenig verlegen wie über eine stets neue Entdeckung, als hätte man uns neue Horizonte eröffnet, uns in eine Familie eingeführt, ohne ausdrücklich um unsere Meinung zu fragen, ein wenig plötzlich, ein wenig unüberlegt, ein wenig indiskret, so sehr waren wir ge^ wohnt, in Dreyfus nur den Mann der Öffentlichkeit zu kennen, ihn als Mann der Öffentlichkeit behandeln zu wollen, hart wie eben jeden beliebigen Menschen. »Man könnte auf ein Verhängnis schließen,« sagte unser alter Meister, als er sich setzte und ließ den ganzen Apparat angeblich Wissenschaft^ lieber, eher historischer Methoden, das vollständige Rüstzeug übergeschichtlicher Metaphysik vor einer so ergreifenden, so tragischen, so packenden Wirklichkeit beiseite. »Man könnte ihn als Menschen, der vom Verhängnis gezeichnet ist, betrachten,« fuhr er fort. »Er kommt aus beständigem Unglück nicht heraus, ich verließ ihn soeben« <und dann erzählte er von dieser letzten Begegnung, dieser letzten Trauer, dieser Art Unordnung, dieser heimliehen, dieser Familientrauer). »Ich sah ihn,« so sprach der Advokat, »diesen Stoiker, diesen großen Helden, diese antike Seele.« <So bezeichnet er Dreyfus als schmerzvollen, aber antiken Helden.) »Soeben sah ich ihn. Diesen heldenmütigen Mann, diese stoische Seele, diesen Stoiker, den ich ungerührt und tränenlos in den größten Prüfungen sah. Soeben sah ich ihn. Er war gebeugt, weinte über diesen Tod. Er sagte mir: ,Ich glaube, daß ein Verhängnis auf mir ruht. So oft wir uns an Menschen hängen, daß wir ein wenig Glück erschauen, daß wir ein wenig anfangen könnten, glücklich zu sein, sterben sie.'« Wir in dieser kleinen Bude waren von dieser Enthüllung ergriffen. »Wenn wir ein wenig anfangen könnten, glüd^ lieh zu sein.« War das nicht das wichtigste Wort, der Schrei Israels, mehr als ein Symbol, Israels Bestimmung selbst? Und, von einem Historiker kommend, über einen Historiker hinweggehend, alle Methoden zerbrechend und alle sinnfällige Metaphysik, alle Geschichten und alle Soziologien, sahen wir das Jenseits der Geschichte vorüberschreiten. Der Hintergedanke, die verstedtte Absicht, die geheimnisvoll heimliche Unruhe, der Hintergedanke so vieler Völker, der antiken Völker war uns wiedergebracht worden, der gleiche, aber unberührt, vollständig, ganz neu,- der älteste lebende Meister unter unseren modernen Historikern hatte das getan. Und es war immer noch Geschichte, aber mehr als Geschichte: Die Bestimmung des Vofäes Israef. Die Rührung der Anderen war für mich durch jene Art fast kindlieber Liebe, jene Art verschwiegener Verehrung verzehnfacht, die ich seit den Studienjahren unserem alten Lehrer stets bewahrt habe. Liebe, ein wenig rauhe Verehrung, das hat man gesehen. Aber von 66

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