Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 42 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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REMBRANDT UND ISRAELS Wunsch des Malers Hokusai: mit jeder Linie Lebendes lebendig wiederzugeben, auf eine einzigartige Weise erreicht. »Ich blättere weiter in der Mappe,« so schreibt Israels, »und mein Blick fällt auf die wundervollen Gestalten der jüdischen Bettler. Solche Typen gab es zu Hunderten im Amsterdam jener Tage, und für Rembrandts Künstlerauge mußten sie eine große Anziehungskraft bilden. Man möchte sie nicht für Bettler haken, denn des Meisters Hand hat all den Glanz und die Wärme über sie ausgebreitet, mit denen seine Künstlernatur alles bestrahlte, worauf sein Auge fiel. — Wenn ich dann müde war vom Schauen, schlenderte ich durch die Stadt und da sah ich dann dieselben Leute wieder, die ich aus jenen Radierungen so gut kannte. Überall, in der Hoogstraat, in der Jodenbreestraat, wo ich einige Schritte von der Stätte wohnte, in der Rembrandt so lange gewirkt hat, überall traf ich dieselbe malerische Menge, sah ich die scharf geschnittenen, graubärtigen Juden, die rothaarigen Weiber, Fässer voll von Fischen, Obst und allem möglichen Zeug, im Hintergrund die alten Häuser, und darüber wölbte sich Rembrandts Himmel. Und alles war wieder, wie es damals gewesen — ein echter Rembrandt.« Rembrandt und die Judengasse — das waren die ersten, die stärksten Eindrücke des jungen Israels in Amsterdam. Und es stand zu erwarten, daß sie sich in solcher Verschwisterung im Werke des reif gewordenen Meisters wieder einstellen würden. Für den ersten Anblick scheint das auch der Fall. Die erstaunlich wenigen Judenbilder, die Israels gemalt hat, treten aus der Reihe seiner sonstigen Werke. Sie sind eine Gruppe für sich, gekenn^ zeichnet durch das gerade hier unerwartete Merkmal der Objektivität. Denn sie sind fast sachlich gesehen <— nicht bloß in ihrer animalischen Atmo= Sphäre, sondern auch in ihren zu Typen erstarrten Gestalten, in ihren altertümlichen Gebräuchen, in ihrer symbolischen Existenz. Kurzum: in ihrer gedrückten Gegenwärtigkeit, die ungewollt und nur ganz heimlich umrauscht wird von der Würde eines tausendjährigen Schicksals. Ich meine damit nicht das stimmungsvolle, von Erinnerungen des Auges und Herzens warm bewegte Ausnahmst werk »Der Thoraschreiber«, dessen Skizze aus der Begegnung des Malers mit einem Patriarchen unter dem glühenden Himmel von Tanger entstanden war, wobei sich durch die beiden Männern geläufige hebräische Sprache zuerst Mund und Mund, dann Blut und Blut gefunden hatten und noch ein ferner Schauer des Religiösen hinzukam <die zart impressionistische Kreideskizze im Reisebuche »Spanien«, das vom Gefühl des Meisters schon satt getränkte Gemälde 1912 in der Kunsthandlung Goupil im Haag). Ich meine die Bilder von der Art des »Sohnes des alten Volkes« <im Stedelijk^ Museum zu Amsterdam) und der »Judenhochzeit« <eine Gouache bei Rudolf Kahler in Wien, das Bild im Amsterdamer Rijks=Museum). Denn hier bleibt Israels objektiv. Hier dämmt er die Mit* 42