Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 41 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS ZELT FEBRUAR I. JAHRG. 1924 HEFT 2 REMBRANDT UND ISRAELS ZUM HUNDERTSTEN GEBURTSTAGE DES JÜDISCHEN MEISTERS 27. JÄNNER 1924 VON MAX EISLER. Man hat die Beiden immer wieder miteinander verglichen. Und ist dabei immer wieder auf Verwandtes gekommen. Ihre holländische Art zu sehen, die nicht so sehr die greifbaren Gestalten, sondern vielmehr ihre atmosphärisch gelöste Erscheinung wahrnimmt, der Ton, der die Farben sammelt und zum Ausklang bringt, das HelU dunkel, das mit seinen schweren Schatten die spärlichen Lichter bedrängt, und endlich die menschlich rührenden, nicht selten tragischen Stimmungen, die aus ihren Werken steigen — das alles und noch mehr bekundet die Verwandtschaft der beiden Meister. Aber man hat über so vielen Gemein^ samkeiten die nicht weniger wesentlichen Unterschiede fast vergessen und damit dem Enkel einen zweifelhaften Dienst erwiesen. Denn was bleibt für ihn übrig, wenn man alle feineren Eigenschaften seiner Kunst auf den erlauchten Ahnherrn zurückführt? Es ist an der Zeit, das Verhältnis von Jozef Israels zu Rembrandt einmal anders zu betrachten als bisher. Vielleicht ergibt sich dann aus der scheinbaren Gleichung ein mehrfacher Gegensatz. Die erste, durchs Leben nachwirkende Begegnung mit dem Werke Rembrandts ereignete sich um 1840, als der damals sechzehnjährige Israels aus seiner Vaterstadt Groningen nach Amsterdam gekommen war, um hier unter der Leitung des Jan Adam Kruseman ein Maler zu werden. In die verworrenen Stimmungen jener vielfach entscheidenden Tage führt am besten eine selbstbiographische Stelle aus der Schrift ein, mit der sich unser Meister an der Feier der dreihundertsten Wiederkehr von Rem^ brandts Geburtstag beteiligt hat. Zunächst war er damals befangen von unreifer Bewunderung für alles »Moderne«, das heißt für die seichten Hervor^ bringungen seiner Zeitgenossen, namentlich aber für die glatte und gangbare Porträtmanufaktur seines Lehrers Kruseman. Die heimatliche Kunst des XVII. Jahrhunderts galt ihm dagegen nichts. Erst nachdem er durch ein ziemlich langes Studium im Freien und im Atelier, durch ein angestrengtes Akt= und Stillebenzeichnen erkannt hatte, daß das Wesentliche in der Malerei nicht auf der hodinot^ peinlichen Manier seiner Lernwerkstätte, sondern auf der richtigen Wertung von Licht und Farbe, auf der freien Gestaltung und Bewegung von Menschen und Dingen beruhe, fand er auch den Weg ins Trippenhuis, wo damals die Gemälde der alten Meister aufbewahrt wurden. Jetzt geht er ans Kopieren. Nach einem Porträt Van Dycks wird ein Einsiedler von Dou und — schon mit besserem Gelingen — ein Kopf des Van der Heist vorgenommen, bis endlich — im vergeblichen Ringen mit einem Manne aus den »Staalmeesters« — Rembrandt zum alles beherrschenden, sehnsuchtsvollen Erlebnis dieser Künstlerjugend wird. Und dann, nach solchen malerischen Aufwühlungen, versenkt sich der unschlüssig suchende, tastende Jüngling immer vom neuen, stundenlang, an dem großen grünen Tisch im freundlichen Räume des Kupferstichkabinetts in die Intimitäten des Zeichners und Radierers Rembrandt, in die Blätter, vibrierend von Leben und Seele. Er nimmt etwa das radierte Bildnis von Rembrandts Mutter in die Hand. Seine der Rührung leicht zuneigende Gefühlsweise quillt auf. Er schiebt »die Mappe einen Augenblick zurück und legt die Hand über die Augen, um sich der Tränen zu erwehren«. Denn hier findet er den höchsten Wunsch, den 41