Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133278--043-3133343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DER BILDHAUER SAMUEL ZIMMERMANN TANZENDER JÜNGLING BRONZE vahrhaft umstürzende Wirkung des Meisters aut;einen Schüler. Aber auch der Schüler und weit nehr noch: die in ihm verschlossenen Kräfte seines Volkes kommen dabei schon deutlich zum Vorschein. Etliche Porträtköpfe aus der früheren Zeit reigen Zimmermann noch völlig befangen von seinen latürlichen Vorbildern. Am Ende seines kurzen Lehrganges ist nichts mehr zu verspüren von jenem ängstlichen Naturalismus, sondern was immer aus der Hand kommt, ist eine Form geworden. Die Arbeit verteilt sich auf Holz, Bronze und Keramik, also auf Stoffe, welche von vornherein sine breit umgreifende Behandlung begünstigen. Das beschreibende, erzählende Detail wird unterdrückt, die Gebärde tritt hervor. Sie sucht den Akzent des Ganzen, den Ausdruck der Erscheinung und ihre Stimmung. Neben rhythmischen Gewandstudien von Frauen, die vorderhand am wenigsten in die eigene Art des jungen Künstlers zu fallen scheinen, sind es jüdische Motive: die Maske eines alten Mannes aus gebranntem Ton, ein hockender, ein schreitender und ein tanzender Jude. In allen diesen Fällen sind Bedingung und Bau des unterschiedlichen Mate^ rials nicht zu verkennen, aber der plastische Vorgang bewegt sich noch zu sehr an der Oberfläche, SCHREITENDER JÜNGLING FICHTENHOLZ er ist nicht von innen nach außen gefolgert und eben deshalb nicht immer überzeugend begründet. Man hat den Eindruck, als ob Zimmermann eine neue, nähere Fühlung mit der Natur noch vor sich hat, bevor er sie auf selbständige Weise überwinden wird. Aber dieses Ziel wird schon klar — gefälliger in dem schreitenden und in dem tanzenden Jüngling, herber und ernster in dem hodtenden Manne. Schon in den Köpfen mit den blicklos fragenden Augen und dann in den matt fließenden Bewegungen der Figuren klingt Melancholie, die Weise seines Volkes, mit. Und immer ist die Würde der ganzen Gemeinschaft gegenwärtig, meist auch die Ruhe Derer, die ein Schicksal tragen. Nur einmal durchreißt ein Aufschrei diese große Ruhe, ein Mann springt jäh empor, schmal und lang, mit fliegenden Gliedern — die greifbar gewordene »Ekstase«. Einfältiges Gebaren da und dort, erfüllt von den Leidenschaften der Askese, meist unterirdisch, gebändigt, nur selten hervorbrechend. Dazu die innere Gewißheit des Volkstums und auch schon eine Ahnung des Religiösen. Das ist der Anfang dieses Künstlerweges. (Aufnahmen: A. M. Schein, Wien, IX.) 32