Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133278--037-3133337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DAS SÜNDÖPTER Armageddon seine Saat, die Brutstätte kommender Geschicke. Jubelt, ihr Töchter Israels, eure Wimpern noch feucht von sybillischem Tau — jubelt trunken im gliederlösenden Reigen des Sabbatabends. Aufjauchzend mit Zimbelschlag über den Donner aus starken Männerstimmen im Chor, Arbeit, Freude an der Feierstunde, so bebt die Ebene, heute noch des Friedens, zu Häupten den Wolkenflug der Geschichte Armageddons, nicht in Israel allein, auf dem weiten Erdenrund! In die wilde Wolkenschlacht der prophetischen Atmosphäre braust, ewig wie der tragende Boden selber, der Tanzrhythmus des arbeitenden, hoffensgewaltigen Volkes Israel. Der Horizont ist zerrissen von rotem Blut aus zärtlichen Adern, die fruchtbarer Welttaumel durchpulst und wiegt. Rot ist der Horizont allüberall — über Judäas steinigen Bergen, Galiläas noch kahlen, hier und dort mit Oasen gesprenkelten Ebenen, über den uralte Zinnen tragenden Städten des Urväterlandes. Wann reitest du, Reiter auf weißem Roß, golden umgürtet, von hohem Adler in den Lüften umkreist, durch das versiegelte Tor in die erlöste Welt ein! Wild und herrlich, ein junger, siegreicher Paladin des Ewigen! DAS SÜNDOPFER VON RUDOLF FUCHS GeBoren 189o in Podeßrad, feßt in Prag. Sein CSei Kurt Wofff=Verfag erscßienenesj Gedicßtßucß „Die Karawane" faßt t'ßn afs eines der jüdiscßesten Tafente des modernen Prag ersdjeinen. Ich, Hohepriester, vor des Tempels Tor: Hieher den Bock! — Nun schließ ich Aug und Ohr und stau in mir der Sünden Quell und Flut, der Sünden Israels,- ich fühl mein Blut verrucht und heiß in dichten Flocken blühn und Gift der Kräuter süß darüber ziehn. Durch der geschloßnen Lider Bluthautnacht dringt bräunlich Sonne, wie in tiefen Schacht... Und plötzlich bin ich nichts als Hand und Hand, die beide auf des Tieres Schädelwand gebreitet liegen, das gefesselt hält. Ich segne es mit Sünden aller Welt, mit Wollust, Lüge, Raub und Brand und Mord! Und scheuch es schnell in weite Fernen fort. Noch wohnt in meinen Händen sein Gewühl, sein Nackentrotz und harter Borsten Spiel, der schon gestreckt durch Abendwüsten rennt, ins Nachtrot stürzt und wild darin verbrennt. Aufbricht das Volk, und wie von Liebe matt ziehts wehgekrümmten Munds zur Schlummer^ statt. 26