Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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GESANG AN PALÄSTINA Stab, eine Sure des Korans auf unseren Lippen, so schreiten wir den glitsdirigen Weg durch die Basare zum Plan um die Omarmoschee hinunter. Im Niederknien auf den Stein reiben wir unsere Schläfen mit unseren empfindlichen Fingerspitzen, bis sie in allen Poren vernehmen das leise Flüstern der nahenden Gnade. Dann erst werfen wir uns nieder zum Gebet. Alle Sprüche des blau genannten Felsendoms tragen wir in unser Herz eingezeichnet, wir sind die Hüter vor dem Tor der geweihten Glaubensstätte. Herrlich verziert ist der Plan unseres inneren Tempelplatzes mit all den unvergeßlichen Reimen der heiligen Bücher unseres Propheten. Nicht Klage tönt der Bettlerruf des Blinden, der Schrei des in der Nische verborgenen, kauernden Aussätzigen durch die überwölbte Gasse der Heiligen Stadt.Wie Gebet des geweihten Imam, des gesalbten Priesters, ist der Ruf nach Brot des Blinden, des Aussätzigen, des heilig wallenden Armen durch die Gassen der Pilgerstadt. Rufe erheben sich über Jeruschalajim, Klang, zitternd singender Ton, Verzückungsschrei und Schmerzgestöhn. Der Muezzin auf dünnem Minarett, der Glöckner auf hohem Beifried, das Spiel der ineinander schwingenden, durcheinander schwirrenden schweren und zarten Glockenklänge breiten über die Stadt ein Gewebe aus, unter dem die weißen nach Osten geneigten Dächer versinken. In Harmonien engelreiner Art entsühnen sie die tierischen Dünste des Menschengewimmels, trennen es ab von der seligen Wolke klaren Blaues in der durchsichtigen Mittagsstunde. Wie ein zarter Schleierhauch aus Millionen zitternder Tönefasern ist die magnetische Welle steter Andacht über Jerusalem gebreitet. Sie schwebt, linde gefächelt von der Strömung, die sie nie verläßt, und ist doch tief und sicher gebunden an das Erdreich, durch dämonischen Zauber an die spärlichen, von weinenden Stirnen blank gescheuerten Quadern der alten Mauer ewiger Klagen gekettet, tief in die Erde, den Felsengrund Jeruschalajims hinunterreichend, die Mauer des letzten Tempels, den Salomo erbaute und der unvergänglich und stumm in den Herzen des verstreuten Volkes verweilt ist durch die Jahrtausende und Jahrtausende in Ewigkeit. Ich sah die Zelte und die Häuser des Friedens in den Ebenen und den Bergen. Bauen, Pflügen, Säen und Frucht vom jungen Baum sah ich pflücken überall in Israels neu erobertem Land. Frieden senkte sich mit jedem neuen Saatkorn in die Erde hinunter, Frieden war die Hand, die die Sichel führte über das neu bestellte Feld. Der Fluch des verlorenen Paradieses lastete nicht auf der Arbeit im glühenden Schweiß der geneigten Stirn, hell stieg Segen wie willkommener Rauch des Opfers aus Ackerkrume, sumpfentrungenem Boden, befreiter, heiterer Seele im neu gewonnenen Land. Friede strahlte um jede Stunde des Tages, den Arbeit, jede Stunde der Nacht, die Lust und Schlaf füllten, um die Zelte und Wohnstätten der jungen Erbauer des Landes. Eingefriedet in dem Glück erfüllter Sehnsucht hegt das unruhvolle Herz die Sorge immer treueren Dienstes für das Land der Väter, der Kindeskinder Land. Wie Liebesgruß schallt der Friedensruf der Begrüßung von Mund zu Mund, wenn auf weiter Einöde, auf zerklüftetem Bergpfad Sohn und Sohn sich begegnet des alten Stammes. O strahlte doch Frieden wie Vogelruf, wie Zittern der dampfend gebärenden Scholle über diesem kleinen, armen, unendlichen Reichtum bergenden Land Palästina! Doch ich sah auch Armageddon ausgebreitet, das Tal der Schlacht... Armageddon in JesreelsWüstenei, Feld zwischen Meer und Gilboagebirg, eine weite Strecke, unkrautüberwuchert, von Sümpfen durchs rieselt, spärlich nur bevölkert. Unaufhörlich braust durch die Lüfte ob Armageddon der Sturm der Geschichte. Alle Kämpferscharen um das Reich Gottes fahren unablässig durch den von keinem Widerstand abgelenkten Windhauch über das Tal Armageddons dahin, in dem ich stehe, lauschend zwischen Meer und Jordan, Sunem und Sile, Sichern und Nazareth. Denkend meines Stammes, meines Geschlechts, der Menschheit unendlichen, ununterbrochenen Dahinbrausens über die Erde gedenkend, wird es mir offenbar — nie, nie wird der Sturm aufhören, verstummen ob Armageddon. Ewig fragend wird das Auge aufblicken zum Dom. Ver^ geblich das Auge Gottes suchen in der Höhe. Ewiges Armageddon! Roß und gepanzerte Schar, hinter wilder Feldmusik stürmende junge Leiber im Anprall, brünstig Tod suchend wie Begattung. Ewiges Armageddon.. .Volk sinkt um Volk in die Erde nieder, in das Erdreich des Tales, das sich höher und höher türmt. Des raschen kurzen Friedensjahres Pflug stößt untief und tief, immer tiefer wieder auf Gebein, vermodertes Erdreich, fruchtbaren Humus aus Mensch, Tier, Erz und darunter abertausendmal Mensch und Mensch. Klaget, ihr Mädchen auf den Ebenen des Ackerlandes Israel — Blut und immer aufs neue wird Blut die blauen Disteln der Felder färben, die ihr jätet, die ihr liebend bestellt im alten Land eures Kindheitstraumes, daß es Nahrung gebe für alle, die seines Friedens bedürfen in unruhigen Pulsen. Klaget, denn in eurem Schoß nährt vielleicht schon 25