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Das Zelt · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 6 (sequence 13)
Language
German
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VIKTOR TISCHLER . *^ * PORTRÄT DR. G. BLEISTIFT PORTRÄT M. T. BLEISTIFT in dem Kunsthandel Würthle, der ja seit geraumer Zeit zum Treffpunkt der modernen Malerei und Graphik geworden ist. Man erinnert sich noch jener jüngeren Bilder, worin der Künstler auf stattlichen Flächen, mit seinen Kampfgenossen um die Wette, die alten Formen zertrümmert und in den neuen Rohbau die saftige, leuchtende, aber immer noch stoffliche Farbe hineingetragen hatte. Das war auf dem Stadion jener Tage, als die neuen Probleme wie Fußbälle ins Feld vorgetrieben wurden, ein frisches, kühnes Spiel der bahnsuchenden Kräfte gewesen, aber eben nur ein Spiel, dem die feinere Besonnenheit noch fehlte also, trotz aller Ehrlichkeit, doch auch Kraftmeierei. Jetzt ist Tischler erfreulicherweise davon abgekommen, er ist fein und besonnen geworden, er hat sich fast schon entdedct. Das geschah durch einen mutigen Akt der Selbsterkenntnis. Er erkannte nämlich, daß jenen sensationellen Farbraketen die Zeichnung fehle. Und begann mit neuer, inniger Sorgfalt zu zeichnen. Man sieht jetzt von ihm breite Blätter mit männliehen Bildnissen und Studien von Frauenbüsten, also Köpfe und Gebärden, sie alle zart angelegt und ebenso umfangen, groß im Zuge und wesentlich im Ausdrud\. Dabei — und das liebe ich an jungen Künstlern — doch scheu, mehr tastend als gegriffen. Tischler ist ins Intime geraten, aber das Formen und das Bauen ist geblieben. Und die Gemälde haben dieselbe Haltung. Man sieht unter anderem eine »Dame mit einer Katze«, genauer: eine Katze über einer Dame. Denn es wird nicht so sehr der Raum, sondern vielmehr eine duftig nivellierte Fläche, also ein Übereinander dargeboten. Aber diese Fläche wird jetzt, obwohl nur der Pinsel und auch er nur milde sichtbar ist, von einem sanften, aparten Liniengefühl durchmessen. Und das zitronenhafte Gelb gibt nicht blcß den dominierenden Akzent, sondern auch den muschelig spielenden Ton. Wir wohnen demnach einem Prozeß der fortschreitenden Enistofflichung bei: die Färbung wird zeichnerisch gezügelt und dann tonig aufgelöst. Das Ergebnis ist nobel und eigenartig. Man kann nur wünschen, daß der Künstler auf diesem Wege bleibe. Dann dürften sich auch die — unwilikür^ liehen? — Anklänge an Odilon Redon verlieren. Jedenfalls deutet alles darauf hin, c'pß Tischler, der einen starken Erfolg gehabt hat, zu seinem Glück und zu unserer Freude, von der Arbeit mit Kopf und Faust, die seine Generation in ihren jüngeren Tagen beherrscht hat, endgültig abgekommen und auf Hand und Auge, also auf ein sinnliches Feingefühl höherer Ordn img geraten ist. Und 6

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