Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 14 (1922)
- Issue
- Heft 4 (7.4.1922)
- Date
- 1922-04-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126612-3126614--2751-3129616- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2 Die erste Periode seiner literarischen Wirksamkeit, die auch den Roman „Dichter und Kaufmann", der das Leben Moses Ephraim Kuhs behandelt, umfaßte (1839), knüpfte vorzugsweise an die Lage und Stellung seiner Glaubensgenossen an'und war in Frankfurt a. M., Karlsruhe und Mainz entstanden. Obgleich Berthold Auerbach jedoch durch das, was er auf anderen Gebieten Wertvolles geschaffen Hot, weit über die Grenzen des Vaterlandes den Ruhm deutscher Literatur mehrte, weder seine Bemühungen um Spinoza, noch seine Schilderungen aus dem Leben der Juden, noch seine großen Zettromane haben auch nur annähernd die gleiche Verbreitung und Anerkennung gefunden wie seine Dorfgeschichten. 1842 wurde der erste Band ausgegeben, 1846 erschien „Die Frau Professorin" und „Die Geschichte des Diethelm von Buchberg". Mit welcher Begeisterung hat Freiligrath in schwungvollen Versen die ersten Dorfgeschichten begrüßt, und auch David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Bischer und viele andere können als historische Zeugen für den großen Eindruck dienen, den diese erzählenden Dichtungen bei den Zeitgenossen hervorriefen. Bald war sein Name wt aller Munde und immer lebhafter wurde in ihm das Mreben, unmittelbar für das Bolksverständnis zu schaffen. Bon Leipzig schrieb er im Herbst 1845: „Ich ras meine letzte Dorfgeschichte einer großen Gesellschaft bor, Laube, Karl Biedermann, Kurranda und noch viele andere Männer und Frauen waren dabei, alle drückten mir ihre innigste herzlichste Freude aus, wie ich sie noch nie gehört habe. Ich weiß, ich habe etwas gemacht, worin ein gutes Korn ist, wenn ich auch noch nicht ganz zufrieden damit bin." Wie in Leipzig hatte er auch in Berlin, Dresden, Stuttgart und in den böhmischen Bädern wertvolle literarische Beziehungen angeknüpft; ln Karlsbad war er mit dem Wiener Prediger Isaak Noa Manheimer bekannt und namentlich von den österreichischen Juden sehr gefeiert worden. In Weimar, wo er um jene Zeit längeren Aufenthalt nahm, erfuhr er seitens des Hofes die schmeichelhafteste Auszeichnung; Unterhandlungen, ihn dort in ein Amt, eine Hofstellung zu fesseln, scheiterten, da er von dem Drange beseelt war, für das Volk zu wirken. Damals erschien „Schrift und Volk", Diesterweg zugeeignet. In Breslau erblühte ihm im Herbst des folgenden Jahres die zarte Blume einer hohen und reinen Liebe. In Auguste Schreiber, der edlen, hochgebildeten Tochter eines angesehenen Patrizierhauses, fand er die Ergänzung seines Wesens. Biele Stellen in seinen Briefen bekunden das ihn erfüllende Glücksgefühl. Schön und reich, vrelverheißend zu neuem frohen Schaffen lag die Zukunst vor ihm, als der Seelenbund mit der Geliebten Ende Mai 1847 durch Geiger Weihe und Segen empfing. Aber nur ein kurzer Glückstraum war ihm beschieden. An Heidelberg, wo das junge Paar seinen Wohnsitz genommen hatte, erschien zu Anfang des neuen Jahres ein Band „Dorfgeschichten". Am 5. März 1848 gab Auguste einem Knaben das Leben; vier Wochen voll Angst und Sorge um die geliebte Frau, „die gewaltsamen Welterschütterungen kann ich kaum fassen", schreibt er, während die Revolntionsstürme halb Europa durchbrausten — und am 4. April trauerte Berthold Auerbach um die Ntnttcr seines Kindes. Bei seinem Schwiegervater in Breslau suchte er Trost. Der Herbst fand ihn in Wien. „Wenn mein Kind nicht wäre, so wäre ich auf den Wiener Barrikaden gefallen," schreibt er von dort. Jener Zeit entstammt das „Tagebuch aus Wien, von Latour bis Windischgrätz" (1849). Wer vermöchte die Rätsel des menschlichen Herzens zu lösen? Es befremdete allgemein nicht wenig, daß Berthold Auerbach bei seiner leidenschaftlichen Trauer um die Frühverklärte schon am 1. Mi 1850 sick mit Nina Landesmann aus Wien, der Schwester des Dichters Hieronymus Lorm, vermählte. Er hat in seiner zweiten Ehe nicht das erhoffte Glück gründen, seine Enttäuschung jedoch im innersten Schrein seines Herzens verschlossen. In Dresden wurde ein neues Heim aufgebaut. Je reicher sich dort seine literarische Tätigkeit auf dem Gebiete der Volkserzählung entfaltete, je wohltuendere Anregung er im Verkehr mit gleichgesinnten Männern, insbesondere Otto Ludwig, empfing, desto schmerzlicher berührte ihn, daß sein Roman „Neues Leben" nur kühl ausgenommen und seine dramatischen Werke von der Kritik wenig günstig beutteilt wurden. „Barfüßele" bedeutete jedoch wieder einen großen Erfolg und um jene Zett bot ihm ein mehrwöchentlicher Aufenthalt von Lazarus und seiner Frau in Dresden reichen geistigen Genuß. Wiederholt Gast des koburgischen und weimarischen ^>fes, jedoch in Dresden selbst nicht festgewurzelt, reifte in ihm immer mehr der Plan, nach Berlin überzusiedeln. Das Schillerfest hatte ihn 1859 in die gehobenste Stimmung versetzt, schon zuvor träumte er, der begeisterte Patriot, von der deutschen Einigkeit. Zu Anfang des Jahres 1860 wurde Berlin die Heimat Berthold Auerbachs und blieb es dauernd bis zu seinem Ende, wenngleich vielfache Reisen ihn nach Süddeutschland, der Schweiz, dem badischen und württembergis chen Schwarzwald, insbesondere seiner Heimat Nordstetten, führten. In demselben Jahre (1860) erschienen „Joseph im Schnee" und „Edelweiß", die von Tausenden und aber Tausenden wieder begeistert gelesen wurden. Eine neue, geistig reich-gesellig froh bewegte Lebensepoche sollte sich nun mehr für Betthold Auerbach eröffnen. Kurz nach seinem Einzüge in die preußische Residenz schreibt er: „Schon am. dritten Tage meiner Anwesenheit wurde ich zur Prinzessin von Preußen gerufen, der ich schon 1856 im Weimar vorgestellt worden war. Ich war bereits fünf Mal zum Familientee, wo ich vorlas; der Regent, der junge Prinz, die englische Prinzessin alle voll Freundlichkeit. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß ein Schriftsteller, der der liberalenpatriotischen Bewegung angehört, so sichtlich ausgezeichnet wird. Und der überdies noch Jude ist." Die Königin von Preußen, die erste Kaiserin des neuen deutschen Reiches hat gleich dem Kronprinzenpaar Berthold Auerbach bis zu'seinem Heimgange dauernd die wärmste Anteilnahme bewahrt. Auch in Berlin knüpften sich Fäden, ihn für eine Stellung zu gewinnen, die jedoch zu keinem Abschluß fühtten. Im Verkehr mit den Geistesherren der Hauptstadt war es nur zu natüttich, daß er dem Freunde schrieb: „Ich fühlte mich ganz gehoben, mit Helmholtz, Dubois-Reymond und Mommsen in einer Gruppe zu stehen; es ist doch herrlich mit solchen Zeitgenossen zu leben!" Am wohlsten fühlte er sich im Gedankenaustausch mit Lazarus, in dessen gastlichem Hause, jedoch standen ihm auch Geiger und dessen Sohn Ludwig, Beit, Eduard Laster, Ludwig Bamberger und Julius Rodenberg freundschaftlich nahe. In jener Zeit entstand eine Reihe trefflicher Werke. Mit seinem epochemachenden Roman „Auf der Höhe" (1865) hatte er den Gipfel seiner literarischen Wirksamkeit erreicht. Bei einem Hosfeste rief chm die Königin zu: „Ich habe Sie mir expreß herbestellt, um Jhneit meinen Dank und meine Bewunderung auszusprechen". Eine Reihe deutscher Fürsten verliehen ihm Orden; ein Meister der Rede, wurde chm in Berlin, wo immer es galt große Tote zu ehren und zu feiern, Uhland, Humboldt, Lessing, Fichte u. a. m. das Wort erteilt, ebenso bei festlichen Veranstaltungen von Vereinen insbesondere denen seiner Glaubensgenossen. Vor dem Elitepublikum des „Wissenschaftlichen Vereins in Berlin*), in Leipzig zur Spinozafeier, in Wien, *) Am 25. Februar 1865 hörte ich Berthold Anelbach dort über den „Landprrdiger von Wskefield" sprechen, eine «wergetzliche Erinnerung.