Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1922-04-07 · Heft 4 (7.4.1922) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
14 (1922)
Issue
Heft 4 (7.4.1922)
Date
1922-04-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126612-3126614--2750-3129615
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Liberales Judentum ^Monatsschrift für die reüglöse Erneuerung des Judentums Herausgegeben von der VereLuL-nns für das lLberalr Judentum e. V. unter der Schrtsttettung von Or. Laesar Seligmann, LXabbiner Lu Trantfurt aur Main Nr. 4 Breslau, dm 7. April 1922 14. Jahrgang Inhalt r Aus Verthold Auerbachs jungen und alten Tagen. - Die Würdigung der Bibel tm christlichen Religionsunterricht. — Der Traum in der Bibel. Ms Vertholö Merbachs jungen uns alten 'Tagen. Ein Erinnerungsblatt zur 4 0. Wiederkehr seines Todestages, den 8. Februar 192 2*) von Regina Reißer -Breslau. »Und wer den Besten seiner Zeit genug getan, Der hat gelebt für alle Zeilen." Goethe. Am 8. Februar 1882 schied Berthold Auerbach in Cannes, im südlichen Frankreich, wo er vergebens Genesung von schweren Leiden gesucht hatte, von dieser Erde und die deutsche Nation, die deutsche Judenheit, die gesamte gebildete Welt betrauerte den Heimgang eines ihrer besten und edelsten Männer, als sie sich rüstete, seinen 70. Geburtstag festlich zu begehen. Höher als der vielgefeierte Schriftsteller, der ausgezeichnete Volksdichter, dessen Schöpfungen in fast alle europäischen Sprachen übersetzt wurden, stand seinen Zeitgenossen der Mensch. Unserer Generation ist Berthold Auerbach fern und fremd, seine Werke sind allmählich fast dem Schattenreiche der Vergangenheit anheimgefalleir. Das Andenken an ihn zu beleben, soll die Aufgabe dieser kurzen Skizze sein. Berthold Auerbach wurde am 28. Februar 1812 als das drittjüngste von elf Kindern zu Nordstetten in Württemberg geboren. Bei hervorragenden Persönlichkeiten fragt man unwillkürlich nach den Eigenschaften und Talenten, die sie von ihren Eltern und Vorfahren ererbt, nach den Eindrücken, die sie in ihrer Kindheit und Jugend von Heimat und Elternhaus empfangen haben.- Der frische, fröhliche und geweckte Knabe wuchs im Sonnenschein zärtlichster Eltern- und Geschwisterliebe heran und erhielt seinen ersten Unterricht in seinem Heimatsdorfe von dem jüdischen Lehrer Frankfurter und dem Ortsgeistlichen der evangelischen Gemeinde. Die harmonische Verschmelzung von Deutschtum und Judentum, wie nicht minder die unbegrenzte Liebe und Anhänglichkeit, Treue und Hingebung für Eltern und Familie, Heimat, Glaubensgemeinschaft, Vaterland und Umwelt, die Berthold Auerbach in seinem späteren Leben beseelten, fanden ihren Urquell in der Kinderstube. Sein Großvater, Moses Baruch Auerbach, dessen Namen er trug, war ein bedeutender Schriftgelehrter, von seiner Mutter hatte er, wie viele unserer großen Dichter und Denker, die Lebensfreudigkeit als köstliches Erbe zu verzeichnen. Nach dem Willen der Eltern und aus eigener Neigung zum Studium der jüdischen Theologie bestimmt, kam er dreizehnjährig auf die Talmudschule in Hechingen. Diese Vorstudien setzte er dann noch *) Anmerkung der Redaktion: Da im Frkvmrk keine Nummer erschien Und die Märznummer keinen Raum übrig muß dieser Jnbtläumsartilel leid« verspätet erscheinen. zwei Jahre in Karlsruhe fort, während er sich zum Eintritt in das Gymnasium vorbereitete. Mehr als die Folianten, welche die Quelle der jüdischen Theologie bilden, beschäftigten ihn schon damals die deutschen Dichter, der künftige Volksschriftsteller begann sich schon damals in ihm zu regen und die Eindrücke der herrlichen Natur auf einer Reise nach Wildbad zeitigten schon 1828 die ersten poetischen Ergüsse. Um jene Zeit begann auch seine Sturm- und Drangperiode; der erste wichtige Prozeß vollzog sich in ihm. Er erkannte, daß der theologische Beruf seiner innersten Neigung nicht entspreche. Schon frühzeitig und während seines ganzen Lebens verstand es Berthold Auerbach in einzigartiger Weise Freunde zu gewinnen und zu erhalten und Freundschaft zu betätigen. Es hieße die Geschichte des deutschen und jüdischen Geisteslebens durch ein halbes Jahrhundert schreiben, wollte man auch nur annähernd der geistig und seelisch gleichermaßen hochstehenden Persönlichkeiten, Männer und Frauen, gedenken, mit denen ihn die innigsten Beziehungen verknüpften. Die wichtigste Freundschaft, die er für die Lebensdauer schloß, war schon 1827 die mit seinem Vetter Jakob Auerbach. Ein durch zweiundsünfzig Jahre mit diesem, der sich in der Folge einen bedeutenden Namen als Pädagoge gemacht hat, geführter Briefwechsel, ist eine Lebensbeichte urtb spiegelt Berthold Auerbachs reiches Seelenleben wider, fein tiefes Empfinden, sein Kämpfen und Ringen, seine Erfolge und Enttäuschungen. 1830 kamBerthold Auerbach auf das Gymnasium in Stuttgart und hier setzen die Briefe an Jakob Auerbach ein. Von dort schreibt er kurz darauf: „Unlängst las ich einiges über Spinoza." Hier begegnen wir zum ersten Male dem Namen des großen Philosophen, dem er später in hingebungsvollster Arbeit durch den Roman, wie durch Uebersetzung seiner Werke ein dauerndes literarisches Denkmal schuf. Ein kleines königliches Stipendium, Privatunterricht, den er erteilte und literarische Versuche ermöglichten ihm den Besuch des Gymnasiums, da seine einstens wohlhabenden Eltern mittlerweile verarmt waren. Mit dem Entschlüsse, sich dem Studium der Rechtswissenschaft zu widmen, bezog er Ostern 1832 die Universität Tübingen, bald darauf wendete er sich jedoch der Philosophie zu, zu der ihn David Friedrich Strauß, dessen begeisterter Schüler er wurde, mächtig hinzog. In München und Heidelberg hierauf seine Studien fortsetzend, bei Schlosser, dessen Lieblingsschüler er bald wurde, eifrig Geschichte hörend, schrieb er eine „Geschichte Friedrich des Großen" (1834—1836). Seine Angehörigkeit zur Burschenschaft führte ihn 1836 einige Monate auf die Festung Hohenasperg. Nachdem er seine Freiheit wieder erlangt hatte, erschien die Broschüre „Das Judentum und die neueste Literatur" in demselben Jahre, die er dem Freunde mit der Bemerkung: „Ich sandte ein Exemplar an Rießer nach Hamburg; zeige die Broschüre Geiger, einer von euch sott sie in der „Zeitschrift für Theologie" anzeigen." Hier erwähnt er der beiden ausgezeichneten Männer, mit denen ihn in der Folge aufrichtige Freundschaft verbinden sollte. - "

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.