Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 13 (1921)
- Issue
- Heft 4-6 (April 1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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o o Verlauf und Ergebnisse der erweiterten Vorstandssitzung d. V. f. d. l. I. in Deutschland 19 Herr Rechtsanwalt Dr. Oesterreich, München. „ Erich Bayer, Breslau. Zunächst werden zu Punkt 1 und 3 der - Tagesordnung die Referate erstattet. Während des Referats des Vorsitzenden übernimmt Iustizrat Plonsker^ Berlin, den Vorsitz. Rechtsanwalt S te r n, B e r l r n. Meine Damen und Herren! - Wie Ihnen bereits in der Einladung zur heutigen Sitzung, der zu meiner Freude zahlreiche Anhänger unserer Sache gefolgt sind, mitgeteilt worden ist, steht unsere Vereinigung vor einer entscheidenden Wende. Die materielle Rot, die so viele Organisationen und Institute ergriffen hat, droht auch uns zu ersticken. Dies ist um so bedauerlicher, als die Vereinigung innerlich, wenn nicht alle Anzeichen trügen, von dem Tiefstand des Krieges sich wieder zu erholen beginnt. Dies drückt sich nicht nur äußerlich in einem >erfreulichen Zuwachs der Mitglieder aus, sondern ich habe auf meinen Reisen, die mich in die verschiedensten Teile Deutschlands geführt haben, wahrgenommen, daß bei Jung und Alt das Interesse an religiösen Problemen überhaupt dauernd im Steigen ist, und daß unsere Auffassung vom Wesen ches Judentums, die sich auf die Zeugnisse der Besten unserer Geschichte, insbesondere auf die Propheten stützt, immer weiter und immer tiefer dringt. Ich erinnere Sie daran, daß erst jetzt in Bayern hei den Wahlen zur Gesamtorgani-- sation der bayerischen Juden die Liberalen gegen vereinigte Orthodoxie, Mittelpartei und Nationaljuden einen großen Sieg davon getragen haben und daß in den verschiedensten Gemeinden, im Osten und im Westen, ich nenne nur. Breslau und Dortmund, trotz großer Gegenagitation unser Banner über der Gemeindestube flattert. Diese Zeugnisse, so erfreulich sie auch sind, entscheiden aber nicht eine Bewegung; denn Wahlerfolge werden wie alle politischen Ergebnisse von Augenblicksstimmungen getragen und herbeigeführt. Wichtiger find und entscheidender die stillen Erolge, die wir in der Gesinnung der Nach- >enklicheren und Tieferveranlagten davon geragen haben. Diese Erfolge lassen sich nicht n Ziffern ausdrücken, wohl aber darin, daß ich mehr, als es lange Zeit der Fall war,- »^geisterte ältere und jüngere Juden zu den Arbeiten für unsere Sache bereit erklären und auch erfreuliche Erfolge erzielen. Ganz besonders macht, sich dieser Amschwung jetzt in Berlin bemerkbar. Es herrscht in dem dortigen Liberalen Verein, der sich ganz erfreulich gehoben hat, reges geistiges Leben, und das Interesse der Mitglieder nicht nur an den geistig-religiösen Fragen unserer Bewegung ist in dauerndem Steigen begriffen. Man hat doch allmählich erkannt, daß der Radikalismus, wenn er je seine Zeit gehabt hat, sich überlebt hat, und daß an seine Stelle eine aufbauende, auf Gemeinschaftsempfinden und Gemeinschaftstat gegründete Bewegung treten muß. aufgebaut auf Religiosität, gestützt durch jüdisches Wissen, sich äußernd in freiem jüdischem Schaffen in Haus, Gotteshaus, .Schule und Gemeinde. Aeußere Umstände treten hinzu, um unserer Bewegung einen Antrieb zu geben. Die Wahlen zur Gesamtorganisation der deutschen Juden stehen bevor. Die Liberale Vereinigung wird das Sammelbecken sein müssen für alle diejenigen, die der Fahne des Liberalen Judentums folgen wollen. Wir können keinen bayerischen, keinen badischen, keinen preußischen oder gar einen Breslauer, Kölner oder Frankfurter Liberalismus brauchen, sondern es wird, sich zeigen müssen, daß über den Lokalinteres'en der Einzelgemeinde das große Ziel der Verjüngung und Vertiefung des Judentums auf der Basis religiöser Fortentwickelung allen liberalen Juden gemeinsam ist. Ein zweites Moment, an dem wir nicht vorübergehen dürfen, ist die Krise im Zionismus. Ich meine nicht die allbekannte Differenz über die Frage des Wiederaufbaus von Palästina» nicht die zahllosen Gruppen- und Klüngelfragen, von denen auch diese nur scheinbar einige Partei zerifsen und zerfetzt wird. Viel bedeutsamer erscheint mir die Abkehr dev Tieferveranlagten von dem bloßen Nationalismus, das immer deutlichere Streben, auch dem Nationaljudentum eine religiös geistige Anterlage zu geben, um sich davor zu bewahren, zusammenzubrechen, wenn sich seine politischen Hoffnungen nicht verwirklichen. Infolge dieser Entwickelung nähern sich Tausende begeisterter, aber noch unklarer jüdischer Köpfe unserer Bewegung, und wir werden nicht verfehlen dürfen, dieser Entwickelung ein aufmerksames Auge zu schenken. Wir sind eine religiöse und keine politische Vereinigung. Der Zionist, der in religiöser Beziehung auf