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Liberales Judentum · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1920) · p. Seite 56

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1920)
Date
1920-07-01
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Bericht über die erweiterte Vorstandssitzung d. Vereinig, f. d. lib. Judentum in Deutschland l % . Der Schatzmeister Emil Lohn erstattet den Rassenbericht und fordert eine sehr , rege und ganz anders betriebene Propaganda, um die finanzielle Leistungsfähigkeit der Vereinigung, den veränderten Geldverhältnifsen entsprechend, sicher zu stellen. Schon heute kostet die Zeitschrift pro Mitglied AI. 3.50, während der Mitzliedsbttirag noch immer M. 3.— betrage. Das ergebe pro Mitglied einen Verlust an der Zätfchrift von mehr als M. 5.—. Er beantrage daher, den Mitgliedsbeitrag zu erhöhen, und zwar auf M. \0.— mit Lieferung der Zeitschrift, ohne Zeitschrift auf M. 6.—. Insbesondere müßten die größeren Gemeinden den geforderten Mindestbeitrag von M. 6 bei allen Mitgliedern erheben, wie das auch erfreulicherweise in Berlin, Breslau und anderen- Gemeinden erfolgt tjf. Der Generalsekretär Stern erstattet nunmehr folgenden Bericht: Das statistische Material allein bringe schon einen erschreckenden Ueberblick über den heutigen Stand der liberalen Sache in Deutschland. Während sich zweifellos von den etwa 550 000 deutschen Juden 9/io liberal nennen, umfasse die Organisation nur 8000 Mitglieder. Selbst wenn man die Tatsache in Abzug bringe, daß während des Krieges eine umfassende Propaganda nicht möglich war, daß auch die Revolution und die Materialisierung aller Zeitverhältnisse einer rein ideellen Bewegung nicht günstig ist, so bleibt es doch immer ein klägliches Bild, daß knapp 7io der deutschen Juden für die liberale Organisation haben sei. Dabei sei es nicht etwa RIangel an allgemein-jüdischem Interesse überhaupt, das fehlt; denn andere neutrale Organisationen würden durch Geld und Beitritt gefördert; selbst in den Zeiten fchKnrmsten materiellen Niederganges fei die Wohltätigkeitspflege eine großzügige und nicht nachtassende geblieben. Das bedauerliche sei nur, daß neben diesen allgemein jüdischen Aufgaben gerade von den Liberalen die geistige Vertiefung und Förderung des Judentums Ln unserem Sinne, gerade der Versuch einer positiven Stellungnahme zu den Lieferen Problemen des Judentums, immer noch vernachlässigt werden. Man glaubt liberal zu sein, wenn man möglichst wenig Gebräuche .hält und an 3 Dagen im Jahre in die Orgels^nagogen geht; dann freue man sich an dem schönen Gottesdienst und glaube Wunder, wie weit man es gebracht habe. Daß ein derartiges Dreitagejudentum, allenfalls unterstützt von gewissen unkontrollierbaren pretätsgefühlen, nicht in der Lage sei, einen Menschen innerlich auszufüllen, sei selbstverständlich. Auch durch bloßes Negieren die Orthodoxie und des Zionismus könne das liberale Judentum nicht bestehen. Der Monismus müsse durch innerjüdische Neffen überwunden werden. Jedermann wisse, daß die begeistertsten und weitesten Kreise der Nationaljuden aus indifferenten Kreisen stammen. Dies zeige, daß die religiöse Indifferenz den positiven Idealen des Zionismus kritiklos erliege. Nur eine positiv jüdische Weltanschauung gebe Gewähr dafür, daß nicht der größte Teil der deutschen Juden in den Strudel des Nationalismus hereingezogen werde. Diese Weltanschauung könne aber nur für einen ganz begrenzten Teil die orthodoxe sein; orthodox muß man geboren, orthodox erzogen sein. Dies sei nur noch bei einem geringen Bruchteil der deutschen . Juden der Fall. Dem liberalen Judentum also werde die Aufgabe zufallen, durch Schaf-, fung eines in sich gefestigten begeisterten positiven Judentums die nationalistische Welle zu überwinden und die noch viel gefährlichere Masse der Indifferenten, aus der die Austritt- und Abfallbewegung sich immer stärker erhebe, wieder zu lebendigem Judentum zurückzuführen. Diese Gefahr und dieses Mel habe insbesondere die liberale Jugend erkannt. Die Iugendvereine arbeiten unermüdlich an der Vertiefung und Verinnerlichung des Judentums. Leider hätten sie sich nicht nur gegen Gegner im andern, sondern auch gegen Gegner im eigenen- Lager Zu wehren. Aengstlichkert und Indolenz gerade hervorragender sich liberal' nennender Führer neige immer mehr dazu, statt eine eigene liberale Jugendbewegung zu schaffen, neutrale Iugendvereine ins Leben zu rufen. Dis Neutralität aber, selbst wenn sie von liberalen Führern geleitet wird — für deren Unsterblichkeit man ja auch keine Garantie übernehmen könne — hindere gerade die große Menge der liberalen Jugend zwar nicht, liberale Vorträge zu hören und liberal zu diskutieren, wohl aber in der Gemeinde und über, die Gemeinde hinaus der liberalen Be-

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