Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Dr. Wirlter Breslauer-Berlin: Die Reprafeniantenwahlen in der Berliner Gemeinde 1% eine umfassende Propaganda entfaltet, und wenn auch das Ergebnis ein klägliches nxtr (im ganzen 275 Stimmen; im Vorortsbezirk selbst nur 55 gegen (78 des Blocks), so rrxrr doch die wahlarbell durch Aufstellung dieser Liste unangenehm gestört. Berücksichtigt man alle diesen Tatsachen, so war es kein Wunder, daß die Liberalen mit den schwersten Befürchtungen in den Wahlkampf gingen. Die Monistische Organisation arbeitete vorbildlich, die des Blocks sehr mäßig, an vielen Stellen sogar äußerst mangelhaft; - die konservativen mit Ausnahme weniger Führer versagten fast überall. Aber plötzlich, 2 bis 3 Tage vor der Wahl, trat ein gewisser Umschwung ein. Die Riesenplakate der Zionisten an den öffentlichen Anschlagsäulen hatten auch manche mchtziomstischen Wähler aufmerksam gemacht, der Leitgedanke unserer Flugblätter und anderer Veröffentllchuugen: „für die Religionsgemeinde, gegen die nationaljüdische Volksgemeinde der Zionisten" begann zu wirken, die Bereitwilligkeit, gegen die ziorrfftifchen Treibereien zusammenzustehen, nahm allgemein zu, und so gelang es schließlich, noch % der Mandate zu retten. Das Resultat wäre ein noch viel günstigeres geworden, wenn die 6^0 Wähler, die ihre Stimme nicht abgegeben halten, von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht hätten, denn ihr größter Teil war sicher liberal. Ist das Ergebnis unter den allerungüw- Agsten Verhältnissen erzielt worden, so kann wohl, gesagt werden, daß bei gutarbeitender Organisation und eingehendster Agitation in Zukunft unter allgemeinem Wahlrechts das auch die jüngere Generation der nicht zionistischen WLhlerkreife zur * Wahlurne bringt, und bei einer durch bessere Vorarbeit zu erzielenden größeren Wahlbetelligung, den Liberalen die Absolute Mehrheit sicher ist/ Voraussetzung ist. freilich, daß die liberale Repräsentantenmehrheit bis zur nächsten Wahl eine Politik treibt, die den berechtigten Anforderungen der Wählerschaft entspricht. Vor allem muß verlangt werden, daß die Forderungen, die die Grundlagen des Kompromisses bildeten, aber in Wahrheit j liberale Forderungen sind, einwandfrei erj( füllt werden. ';; 2luf dem Gebiete des Kultus, des Ritus und des Religionsschulwesens soll unter Erf. Haltung der Gnheit der Gemeinde jeder Bich j Lung ein Selbstbestimmungsrecht zustehen. 1 Von liberaler Seite kann wahrlich hiergegen j nichts eingewendet werden. Ern Liberaler wird sicherlich kein Interesse haben, an der | Gestaltung eines orthodoxen Gottesdienstes? mitzuwirken, aber alles Interesse daran, daß I ihn kein Konservativer bei Einrichtung eines . fortentwickelteren hemmt. Es wird sich', nun; zeigen, ob die Konservativen zu ihrer Wahlparole stehen werden, insbesondere dann, wenn es gilt, im Rahmen der Gemeindeverwaltung auch den bisher Außenstehenden, wie der bisher separatistischen Orthodoxie, — wenn sie es will, — so auch der Reform einen platz zu gewähren. Entschiedenste Abwehr der nationaljüdischen Bestrebungen gegenüber der neuen § Aonistischen Fraktion wird geboten sein. Vor / allem wird dabei den Bemühurrgen auf i Schaffung eines Systems Mischer Schulen — mit hebräisch als lebender Sprache ~~ entgegenzutreten sein, well dies der Beginn eines j neuen Ghettolebens werden würde. ' Von liberaler Seite dürften ferner fortan keine Personen mehr auf verantwortungsvolle Porten gestellt werden, die sich über ihr poli-! tisches Verhältnis zum NationalMentüm nicht! im klaren find. * Endlich aber ist die Demokrartsierurig der Gemeindeverfassung das Gebot der Stunde. Sie wird kommen, ob die jetzt etwa noch Widerstrebenden wollen oder nicht, wer dem Geiste des Liberalismus, wer dem . liberalen Programm getreu ist, muß sie freudig wollen, muß sie fördern und erringen. Haben wir bis zur nächsten Wahl das . allgemeine Wahlrecht und die damit verbundene Neuwahl der gesamten Repräsentantenversammlung nicht, oder wird sie uns von feindlichen Gewalten aufgezwungen, daun hat der Liberalismus in der Berliner Gemeinde für lange Zeit verdientermaßen aus? gespielt. Das gilt es abzuwenden!