Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 11 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 32 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 32 . . . die Ivissenschaft' von der- Snnenwelt ers funden, begründet und bi--, zu fabelhafter Höhe MlSgebaut." „Die Formulierungen der alten jüdischen Denker, wie sie uns im.Ration des 2lltes Lestameirtes entgegengetreten, (bieten) den wunderbarsten Einblick in die tiefsten wahr- und Wesenheiten des Daseins, der durch die kritischste wissenschaftliche Forschung niemals verworfen, sondern immer nur von neuem bestätigt und um so tiefer begründet werden kann." — Durch tiefgründige historisch - psychologische ' Untersuchungen und Grundlegungen hindurch gelangt der Verfasser auf dem Höhepunkt des Buches zu dem Resultat, daß wir Ulenschen, wenn wir den Dingen auf den Grund gehen, uns kosmischen Tendenzen und Erfahrungen gegenüber finden, die „unwiderstebbar uns Lebensziele setzen und mit sanftem aber unbeugsamem Zwange unsere Lebensstraße uns in großen Linien vorzeichnen. Was ist das aber anders, wie soll man. es anders nennen, in einem kurzen Wort als ,Gott^? „Es ist der gleiche ,<5ott', den unsere Vorväter auf intuitiven! Wege in ihrenr Kerzen fanden. Es sind die gleichen Erfahrungen. Wir würden aber u hl vergebens versuchen, sie in der gleichen grandiosen^ Einfachheit und Ursprünglichkeit der Enrpfindung darzustellen, wie es denjenigen gelang, die sie zuerst gesehen und in sich bewußt erlebt haben." — Hier streift der Verfasser — ohne das Wort dafür zu finden — das große Problem der Offenbarung. Denn dieses intuitive Erleben Gottes ist es eben, dein der dafür geschaffene Begriff der Offenbarung gerecht werden soll. Die sonst so geschlossenen Deduktionen des Buches lassen an diesem punkte die Einheitlichkeit vermissen. Nennt der Verfasser die Erkenntnis der jüdischen Gottesmänner das einemal eine „intuitive", so führt er an anderer Stelle aus, daß diese ihre Entdeckungen durch „nüchterne denkende Betraclstungen des Daseins" „empirisch" gernacht haben. — Auch mit der Bewertung des Buches Hiob, dessen Tendenz freilich nicht in das gradlinige Sestern des Verfassers paßt, können wir uns nicht einverstanden erklären. , Freilich wer in den pfalrnversen O, 15 und 90, 8 die feinste Blüte altjüdischen Denkens erblickt, der muß k0nsequenterweise auf seiten der drei Freunde Hiobs stehen und Hiob selbst Unrecht geben, dessen Wahrheitsmut dem Gerechtigkeitsstandxunkt der Psalmen widerspricht und das Walten Gottes nicht mit heuchlerischen Rippen verteidigen rnag. Das Gerechtigkeitsxroblem ist eben kein so widerspruchsloses Ding, wie es der Verfasser gern haben möchte. Er läßt nur die Psalmen gelten, und die Psalmen sind ihm geradezu das. Alte Testarnent. Die Propheten, erwähnt er nicht und' auch den pentateuch nur vorübergehend. So erklärt es sich, wie der sonst so unbeeinflußt vorurteilsfreie Verfasser sich den unbegreiflichen Vorwurf zu. eigen machen kann, daß von der Liebe erst im Neuen Testament, im Alten Testament aber „wenig oder gar nicht die Rede ist." Sm Sinne des Verfassers ist das freilich kein Vorwurf, weil nach seiner Ansicht den: Alten Testament nicht die'Sache, sondern nur der formale Begriff der Liebe fehle. — Diese wenigen und vergleichsweise geringfügigen Bedenken durften um so eher vorgebracht werden, als dieses außergewöhnliche Buch auf einer solchen Höhe der Vorurteilslosigkeit steht und von solch reiner Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe erfüllt ist, wie uns ähnliches bei christlichen Verfassern bis jetzt nieinals auch nur annähernd begegnet ist. wunderbare Worte findet der Verfasser in immer neuen Wendungen für die einzigartige Größe und Wahrheit der altbibliscben Rultur, zu der die heutige RIenschheit in ihrer sittlichen Ratlosigkeit zurückfinden nrüßte. Das „Gesetz des Herrn", von dein die alteii heiligen Schriften redeil, ist ihm nichts anderes als „handeln von inneil heraus", die „Furcht des Herrn" nichts anderes als die seelische Einstellung, die Gesiiuiung, welche identisch ist mit dem „von innen heraus handeln". Die religiöse Erfahrung der altbiblischen Denker aber — das ist der letzte Schluß der Weisheit, des Verfassers — hat sie erkennen lassen, daß das sittliche Handeln in seinen letzten Zusamiilenhängen auch das vorteilhafteste Handeln ist und somit die Frömmigkeit ihres Lohnes gewiß ist. Diese biblische Weisheit als wissenschaftlich erweisbare Wahrheit aufgezeigt zu haben, ist die Aufgabe, die das Buch sich gestellt hat, und in diesen! Sinne ist der Titel zu verstehen: „Die Äultur der Süden, eine Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft." HerauZgegeben von der Vereinigung für vas liberale Iudentuin Berlin W. 8, Mauerstratze 22. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich Dr. C. Seligmann, Frankfurt a. M . Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt & ©Ieibev, Frankfurt a. M.. Bieber-Gaffe