Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 9/10 (1918)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 80 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Norden: Hundert gahre Hanrburger Tempel das. was inr Tenipel, sondern auf das. was in der orthodoxen Synagoge gelesen worden ist. Wie sollte ich das und rnanches andere, was' man vom Tempel, seinen Einrichtungen undseinen Predigern erzählte, verstehen? Hatte der Tempelverband denn „Angst vor seiner eigene,! Lourage?" blatte er kein Zutrauen zu seinen eigenen Einrichtungen? War er denn nicht auf festen Grundsätzen aufgebaut? verfolgte er keine ganz bestimmten Ziele? Hatte er sich nicht ,nit vollen, Bewußtsein von der Grthodorie getrennt? Weshalb dann aber das ewige Hinüberschielen nach der Grtl>odoxie, von dem man immer sprach, weshalb die Sucht, sich bei ihr lieb Rind zu marinen? Ze mehr ich vom Tempel hörte, um /so mehr verstärkte sich bei mir der Eindruck: Hier fehlt der feste Standpunkt und darum die Werbekraft. Ich wußte damals noch nichts Don den Urteilen, die ein Graetz und ein Geiger über den Hamburger Tenipel gefällt haben, wußte nicht, daß Graetz ihn eine „Mischttngsgeburt" genannt hat, die „ohne Liebe und Begeisterung in die Welt gesetzt worden" *) sei, wußte nicht, daß Abraham Geiger "sein Urteil dahin abgegeben hat, der Ternpel habe nicht verstanden, „sich zum Träger des wissenschaftlichen, richtig erkannten reli- - grölen Fortschritts im neueren Judentum zu machen"-), es sei vielmehr sein Bestreben gewesen, „sich möglichst anzuschmiegen."1 2 3) Das alles wußte ich damals noch nicht. Soviel aber sagte nur schon mein schlichtes, gesundes Empfinden: Wenn neben denr Synagogenverband, in welchem das orthodoxe Judentum mit Eifer und Begeisterung gepflegt wird, der Tempelverband Geltung haben und Ansehen genießen will, so kann.es nur dadurch geschehen, daß er mit demselben Eifer und mit derselben Begeisterung die Grundsätze des fortschrittlichen Judentums vertritt und mutig und furchtlos verkündet. 1) Graetz. Geschichte der Juden. Baud 11, S. 416. Leipzig 1870. 2) Geiger, Nachgelassene Schriften, 1. Band. S. 176. Berlin 1875. s) daselbst. S. 181. Tatsächlich konnte ich beobachten, wie in den Hamburger ortl?odoxen Kreisen die heftige Gegnerschaft gegen den Tempel von Jahr zu Jahr nachließ, nicht etwa, weil man in jenen Kreisen die Berechtigung des fortschrittlichen Standpunktes allmählich anerkannt hätte, sondern weil ,nan in dem Tenipel keinen zu fürchtenden Gegner nrehr erblickte. Man hielt ihn nachgerade für völlig harmlos, weder werbekräftig genüg, der Orthodoxie Anhänger abspenstig zu machen, noch auch . diejenigen heranzuziehen und dem Judentum wiederzugewinnen, die sich dem religiösen Denken und der religiösen Betätigung entfremdet hatten. So dachte man in den orthodoxen Kreisen der Hamburger Gemeinde über den Lempel vor etwa dreißig Jahren, und so beurteilt man ihn in diesen Kreisen auch noch heute. Zn den, Vorwort zur sechsten Auflage des Tempelgebetbuchs wird die Hamburger Tempelgenreinde mit Recht „die eigentliche Rluttergemeinde des fortschrittlichen Zudenturns"4) genannt, und von ihrem ersten Gebetbuch wird mit berechtigten!. Stolze gerührnt, es sei „das erste Lebenszeichen der erwachenden Erkenntnis, daß das Judentum die Religion des ewigen Fortschritts, der stetigen Fortentwicklung ist."°) Als aber vier Zahre nach Erscheinen dieser Auslage die „Vereinigung für das liberale Zudentum in Deutschland" gegründet wurde, wo blieb da die „Muttcrgemeinde des fortschrittlichen Zuderrtums?" Laute und freudige Zustinnnung hatten wir von ihr erwartet, einen Zubelruf: „Dies ist Gebein von meinen! Gebein Md Fleisch von rneinem Fleisch." Die ganze Tempelgemeinde hätte sich der Vereinigung für das liberale Judentum anfchließen müssend Statt dessen eisiges Stillschweigen, kein ermunternder Zuruf, keine begeisterte Freude darüber, daß der jüdisck>-religiöse Liberalismus endlick4 aus feinen! Dornröschenschlaf erwacht sei und sich zu einer Tat aufgerafft habe. 4) Gebetbuch, herausgegeben vom Israelitischen Tempelverband in Hamburg. 1904, Vorwort S. III- L) daselbst. - Herausgegeben von der Vereinigung für daS liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 22. ILr die Redaktion und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr.29- Druck und Expedition von Voigt L Gleiber. Frankfurt a. M., Bieber-Gaste 6.