Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1916)
- Date
- 1916-11-01
- Page
- Seite 140 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Aus dev Jugendbewegung Der Sinn für den Wert und die Tiefe des Daseins ist uns aufgegangen, und ein starker Lebenswille beherrscht uns alle; das wird auch unsere Arbeit im 'Dienste des Judentums erleichtern und uns neue Kräfte zuführen. Der Krieg, der gezeigt hat, daß wir in nichts zurückstehen hinter, unseren Mitbürgern, wird unsere 'Selbstachtung, an der es uns -oft gefehlt hat, wieder erstarken lassen. Man singt unsere Psalmen, man bewundert unsere Propheten, von uns selbst aber spricht man verächtlich. So teilen wir mit den Deutschen das Los, daß man urts wegen unserer Vorzüge beneidet und uns daher haßt. Wenn wir uns aber im Lebenskampf behaupten wollen, müssen wir uns unseres Wertes bewußt sein. Mit der begeisterten Mahnung, treu zu unserem Vaterland und unserer Religion zu halten, schloß der Herr Redner seinen fesselnden Vortrag. Stürmischer Beifall folgte seinen Worten. Nach herzlichen Dankesworten des Herrn Vorsitzenden gab - unser Kassenwart, Herr Alfred Berger, einen kurzen Neb erblick über unsere finanzielle Rüstung, die es uns' ermöglicht, unsere plane erfolgreich durchzuführen und uns außerdem noch an der 5. Kriegsanleihe zu beteiligen. Zum Schluß gedachte er mit ehrenden Worten Professor Dr. philixxsohns, der noch kurz vor seinem Hinscheiden seinem warmen Interesse an unserer Organisation in einem herzlichen Schreiben Ausdruck gab. Unser Ehrenmitglied, Herr Iustizrat Berger, dankte hierauf nochmals dem Herrn Vortragenden und ermahnte unter lebhaftem Beifall die Jugend, die eindringlichen Worte des Herrn Redners zu beherzigen. Um 3/41 Uhr schloß Herr Bayer die Versammlung, der ein gemütliches Beisammensein folgte. Zu den hohen Feiertagen sandten wir an unsere Feldgrauen eine literarische Festgabe in. Gestalt der Kriegsbetrachlungen von Herrn Feldrabbiner Dr. Italiener. \2 veremsbrüder haben bisher die Auszeichnung des Eisernen Kreuzes II. Klasse erhalten. Für unsere zweite Versammlung am 10. Oktober hatte sich unser außerordentliches Mitglied, Herr Iustizrat Breslauer aus Breslau zur Verfügung gestellt. Herr Erich Bayer eröffnete die sehr gut besuchte Sitzung mit der Mitteilung von acht Beitrittserklärungen seit der letzten Versammlung und erteilte dem Herrn Redner des Abends das Wort zu seinem angekündigten Vortrage: Der Kampf der preußisch en Juden Ums Recht bis zum Jahre 1812. Der Herr Referent entrollte uns ein klares Bild von den schweren Kämpfen der preußischen Juden seit ihrer Niederlassung unter dem Großen Kurfürsten im Jahre 1671 bis zur Erlangung der Gleichberechtigung im Jahre 1812. Der Große Kurfürst hatte den Juden durch das Edikt vom 2h April* 1671 gestattet, sich in Brandenburg niederzulassen und Handel zu treiben. Unter seinen Nachfolgern wurden ihnen jedoch diese Rechte immer mehr beschnitten. Sie durften nur noch Geld-und Trödelgeschäfte treiben; hohe Steuern und Abgaben, insbesondere der entehrende Leibzoll, bedrückten sie schwer. Trotzdem gelangte ein großer Teil von ihnen zu Reichtum und zählte gesellschaftlich zu den gebildeten Kreisen. Unter Friedrich Wilhelm II. ersuchten die preußischen Juden durch eine Eingabe um Aufhebung aller sie zurücksetzenden Bestimmungen. Mit fesselnden Worten zeigte dann der geschätzte Herr Redner den schweren Kampf der Juden bis zu ihrer völligen Gleichberechtigung Lm Jahre 1812. Mit der Aufforderung, das teuer erkaufte Gut der Gleichberechtigung stets hoch zu halten und gegen alle Angriffe zu. verteidigen, schloß Herr Iustizrat Breslauer seine Ausführungen, denen reicher Beifall folgte. Breslau, .Ende Oktober 1916. Walter Lohn. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 22. Für die Redaktion und den Verlag verantworllich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt & Gleiber. Frankfurt a. M.. Bieber-Gasse 6.