Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 96 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Bücherfchau Bücherfdiau. Wehrlose, Novellen von Josefa Wetz. Berlin- Tharlottenburg f9l6. 8". Felix Lehmann Verlag, G. m. b. h. Mir mußten uns in dieser furchtbaren Schicksalszeit daran gewöhnen, dem unnennbarsten, größten Schmerz, den die Menschheit je ertragen, in's versteinerte Antlitz zu sehen, und oft überkäm uns wohl das Gefühl, daß wir stumpf werden gegen all das unausdenkbare Leid. — Und da kommt eine nachdenkliche Dichterin und schildert uns einfache, alltägliche Menschenschicksale, an denen tausende von Menschen achtlos vorübergehen und zeigt uns, daß wir — trotz allem — nicht verlernt haben, auch kleines Leid, das junge, zagende Menschenseelen tragen, mitzuempfinden. Mehrlose nennt Josefa M e tz ihr Novellenbuch, das von einem tiefsten Missen und Rennen derjenige:: spricht, die sich noch „im Zwischenland" befinden, in jenem Land, das nicht mehr Rinderland ist und doch noch' himmelfern vom Reich der Erwachsenen. Zn jenem Land, in dem alles noch ein Tasten und Fragen, ein Sehnen und Erwarten ist. — Aber auch in der Seele des gerjeiftjen Menschen weiß Josefa Metz, diese feinsinnige Psychologin, zu lesen, und Meisterin ist sie in der Milieu-Schilderung. Sei es, daß sie die typisch-nüchterne Berliner Vision Hall schildert mit ihrer billigen Eleganz, sei es, . daß. sie uns in das wohlbehütete, hyperästhe- Hsche Heim, in dem die kleine Edna ihre sehnsüchtigen Träume träumt, Hineinblicken' läßt, sei es, daß sie uns in das Hotel am kleinen, geheimnisvollen Bergsee führt. Josefa Metz, die uns schon oft mit ihren entzückenden Rindergedichten und -Geschichten beschickt hat, ist gereift und gewachsen und jeder, der Verständnis und Mitgefühl hat für das Erleben junger Menschenkinder, wird, sich mit Genuß in diesen Novellenband vertiefen. MoL Brod, Tycho Krahe's Weg pt Gott. 5.-8. Tausend. Leipzig. Rurt Molff ^9^6. 8°. <{26 5. Geh. M. 5,50, kart. M. , geb. M. ^'.50. „Und Jakob hieß die Stätte pniel, denn ich, habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen." > r Dieses Bibelwort setzt Max Brod seinem neuesten Merke „Tycho de Brahe" als Motto voran, einem einzigartigen tiefen Buch, das uns einen Blick tun läßt, in jene untergegangene Melt des Jahrhunderts der Reformation und in die leidenschaftlich ringende Seele eines Mannes, dem äußerer Glanz Und Macht und Ehren nicht das innere Glück geben können; dessen Seele erst genesen kann, als er den Gott in seiner Brust gefühlt, als er Gott von Angesicht gesehen. Mit biblischer Rraft ist diese machtvolle Gestalt des großen Meisters der Sternkunde gezeichnet. Mie die Patriarchen zieht er umher init seiner großen Familie, seinen Schülern sind Rnechten, seinem Hab und Gut. Und als er zum Sterben kommt in der Morgendämmerung, da hat er alle Eitelkeit, alles kleine Abwägen von Erfolg und Mißerfolg abgetan' und fühlt sich nun selig teilhaftig der alles umfassenden göttlichen Sicherheit des währen Gesetzes. Rurz vor seinem Ende tritt Tycho die edle Gestalt des hohen Rabbi Löw entgegen, und wie ein Blitzstrahl erhellt es seine schmerzzerissene Seele, daß dieses heimatlose, flüchtige Volk der Juden dasselbe Schicksal, dasselbe Leid erduldet wie er, und! daß die Lehre dieses Volkes: „Gott ist nicht um des Gerechten willen da, um ihm zu dienen, sondern der Gerechte ist da, um Gott zu dienen", ihn als etwas Nahe verwandtes, als eine innere Gewißheit mächtig anrührt. — ,<Sn bleibender Gewinn ist es für jeden, sich in dieses Buch versenkt zu haben und mit Tycho de Brahe nach der lichten Spur Gottes in der Melt zu suchen und den Meg zu finden zu jener Größe, die Demut heißt und Güte. Ella Seligmann. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 22. Für die Redaktion.und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt & (Bleibet, Frankfurt a. M.. Bieber-Gafse 6.