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Liberales Judentum · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. Seite 48

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 48 (sequence 24)
Language
German
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48 Rundschau: Kosen geisterung, zu gewaltigem Erlebnis, die viele Menschen, plötzlich in sich fühlten, ohne vorher von solch verborgenen Quellen in ihrer Seele etwas zu ahnen. Man fühlt sich dem Tode näher, aber eben darum näher auch dem wahren Leben, das alle füllen von Eitelkeit und Schein, alles Seichte, Flache von sich abgestoßen. Und dieser Zug zur Tiefe und Echtheit entfaltet sich zum heiligen Krieg, wenn dieser als gerechte Sache erlebt wird. In der Hingabe aber, die das Individuum rücksichtslos einer größeren Sache aufoxfert, es sterben läßt, damit die Idee leben und und sich auswirken kann, kommt der tiefste Gedanke der Religion zur Offenbarung, der Gedanke Gottes, der immer zugleich auch ein Auslöschen des Einzelnen, sein Aufgehen jtm allumfassenden Grund des Seins als eines feiner Ziele sich setzt. So haben Vaterlandsliebe und Gottesliebe in der Tiefe ihre Berührungspunkte. Freilich sehen wir gerade hier am klarsten au'ch ihre Trennungslinie. Die Einzigkeit des .einen Gottes kann immer nur die Einheit auch des Menschengeschlechtes bedeu-, ten, in deren gemeinsamen Zielen zugekehrter Arbeit er sich offenbart. Das ist ja aber die tiefe Tragik des Krieges, daß diese Einheit des Menschengeschlechtes, dieser allumsxannande .Gemeinsinn scheinbar gesprengt ist. Solche Tragik heißt nur dann nicht das Ende Gottes und der Tod der einen Menschheit, wenn wir glauben dürfen, daß der Kampf der Idee auch gegen den größten Teil der Glieder der Menschheit ausgekämpft werden kann, daß in dem Siege einer Gruppe der Sieg Gottes erstritten wird. Dann dürfen wir hoffen, daß auf dem Umwege über den Krieg der Nationen, über die Nationalität doch das Ziel der Humanität schließlich erreicht werden kann, und es würde der Krieg durchaus nicht der Geltung und Verwirklichung der Gottesidee ,in der Menschenwelt widersprechen. In diesem Lichte sehen wir ihn in den Büchern des Alten Testamentes. Dessen Gott brauchen wir nicht dagegen in Schutz zu nehmen, daß er Millens- und Machtgott ist. Denn diese seine Eigenschaft entspricht nur de^ Tatsache, daß das Leben der Menschheit kein ruhender statischer Zustand, sondern eben Leben, Entfaltung, Ueberwindung von Widerständen ist. Klar erkennt das die Geschichtsauffassung der israelitischen Propheten, die nur aus kriegerischen Zeitläuften heraus und in Abhebung von kriegerischem Hintergründe zu verstehen. Bei allem menschlich herzlichen Mitleiden mit dem Jammer, der im Gefolge von Völkerkämpfen unvermeidlich ist, begegnet uns hier die Ueberzeugung, daß, der Krieg dem Ziele dient, durch die Ahndung von Unrecht und Bosheit in der Geschichtsentwickelung dem gottgewollten Recht schließlich zum Siege zu verhelfen. In den Machtkämpfen der Völker wird der. göttliche Weltplan verwirklicht. Weil der aber auf höchste Gerechtigkeit abzweckt, muß schließlich einst das Unrecht, und mit ihm der Krieg, der es züchtigt, enden. Das Reich der Tage des Messias bedeutet dije Erfüllung dieses Ideals.. Gibt eine Geschichtsentfaltung, die den Weltkrieg entzündet hat, ein Recht zu solcher Erwartung? Sicherlich zerstört sie es nicht. Denn die die Menschheit umfassende Weltorganisation, die der positive Inhalt und Sinn des ewigen Friedens ist, wird durch den „Weltkrieg" nicht unmöglich gemacht. Dieser erste „Weltkrieg" ist zunächst nur Ausdruck der Tatsache, daß es seit zwei Menschenaltern nur noch eine alle Völker umspannende Weltgeschichte auf unserem zu einem einheitlichen Schauplatz gewordenen Planeten gibt. Unser Geschlecht hat den Anfang eines neuen Zeitalters der Erdgeschichte erlebt, ,in dem erst die „eine" Menschheit geboren wurde. Daß diese Einheit zuerst in Völkerfeindschaft sich entladen, hindert eine kommende Weltorganisation grundsätzlich viel weniger als ihr der Großbetrieb der Weltgeschichte, die Zerlegung des planetaren Geschichtsschauplatzes in einige wenige politische Großmachtssphären, Vorschub leistet. Das ist aber die Tendenz der von uns erlebten Weltgeschichte, die sicherlich auf eine Vereinfachung der politischen Mannigfaltigkeit gerichtet ist. Darum gibt gerade der Weltkrieg kein Recht zum Pessimismus. Reicher Beifall lohnte die geistvollen Ausführungen des Redners, denen die Zuhörer gespannt bis zum Schluß gelauscht hatten. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin W. 8, Mauerstraße 22. Für die Redaktion und den Verlag verantwortlich vr. C. Seligmann, Frankfurt a. M., Friedrichstr. 29. Druck und Expedition von Voigt & Gleiber, Frankfurt a. M>, Bieber-Gaffe 6.

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