Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 8 (1916)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 45 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Süchrrschan 45 Bücherfchau. Meyrink, Gnltav, Aer Gslrm. Leipzig s9l6. Rurt ZPoIff Verlag. 500 5. Geh. ZH. 3.50, geb. ZR ^.50, kart. ZN. Der Golem! heimlich erwacht bei diesem Wort in uns die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem künstlichen Menschen, den einst im alten Prag ein kabbalakundiger Rabbi aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen, automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob. So erklärt Gustav Meyrink das unheimliche Wesen, das .im mittelalterlichen Prag tmj Ghetto zum geheimnisvollen Leben erwächt und nun diesem eigenartigen, gedankentiefen Buch den Namen gibt, einem Buch, das u,ns. wie in einem magischen Zauberbann hält, uns nickst wieder losläßt und uns bis in unsere Träume verfolgt. Ist der Roman doch selbst ein sinnverwirrender Traum, der uns wie ein Alp bedrückt, und aus dem wir trotzdem nicht so bald erwachen möchten. Er trägt uns in die «mystischen Tiefen der menschlichen Seele, zu jener geheimnisvollen Pforte, die unser wirkliches Leben von dem klebersinnlichen trennt. 1 Meyrink sieht in dem Golem gewiß nicht nicht nur die jum Leben erweckte Tonfigur des Rabbi, der Golem ist für ihn die zum Leben erwachte Massenseele des Ghetto oder auch, wie die Frau des Rabbi hillel sich ausdrückt, esr sei ihre eigene Seele gewesen, die — aus dem Äörper getreten:— ihr einen Augenblick gegenübergestanden und mit Zügen eines fremden Geschöpfes ihr ins Gesicht geschaut hätte. „Esgibt Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich ein Mensch anscheinend nicht: befreien kann, wenn seine Seele die Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn vorenthalten sind. — Zch kann mir nicht helfen: Das Uebersinnliche ist doch das Reizvollste!" Das scheint des'Dichters Glaubensbekenntnis. Tief haben ihn die Geheimnisse der Rabbala gepackt, und den edlen Rabbi, den Meister der Aabbala ^chemajah Killet, läßt er sagen: „Glauben Sie denn, unsere jüdischen Schriften sind bloß aus Willkür nur in Ronsonanten geschrieben? Zeder hat sich selbst die geheimen vokale dazu zu finden, die ihm den nur für ihn allein bestimmten Sinn erschließen."' Das dünkt mich ein Wort, das auch dieses fremdartige Buch enträtseln könnte: es spricht in Zeichen, die jeder aus seiner eigenen Seele deuten muß. Raum vermögen wir dem Dichter Ai folgen auf all' den krausen, verwirrenden Pfaden, auf die uns sein bunter Traum führt. Eine Fülle der Gestalten dringt auf uns ein, dia alle auf geheimnisvolle weise sich finden und verlieren, zu einander gehören und doch nicht von einander wissen, sich glutvoll lieben und sich wütend hassen, sich bang nach einander sehnen und sich auf ewig trennen müssen. — Wohl zu Mute ist uns freilich nickst in der Gesellschaft dieses Zluswurfs 'des Ghetto, dieses grausigen Trödlers und seines psychopathischen Sohnes, die niemals der Wirklichkeit des Ghetto nachgebildet sein können, sondern in ihrer widerwärtigen Unmenschlichjkeit nur der schaurig-verzerrten Phantasie eines Dichterhirns entsprungen sind. Doch dafür entschädigen uns die lebensvolleren Gestalten des alten hillel und seiner lieblichen Tochter Mirjam, die gläubig auf das große Wunder harrt, das kommen muß. Man möchte wert fort wandern in die alte Zudenstadt Prag, in das finstere Ghetto und nach dem düsteren Zimmer suchen, in das kein Eingang führt, und in dem der Golem stets verschwindet. Man möchte nach dem weißschimmernden Haus in der kleinen Alchimistengasse suchen, das nur Sonntagskindern erscheint, wenn die weißen Nebel brauen. Man möchte sich zu Füßen des weisen hillel setzen und seinen Lehren lauschen und man möchte mit zarter Hand über den schwarzen Scheitel der lieblichen Mirjam streichen, die mit leidvollen, sehnsuchtstiefen Augen uns anblickt. Ein großer Verfteher, ein tiefer Sucher ist Gustav Meyrink, und die gespenstischen Gestalten seines mystischen Romans werden selbst der furchtbaren Wirklichkeit gegenwärtigen Erlebens nicht so bald aus unserem Erinnern schwinden. Ella Seligmann. Aoris Miltner, Die Geschichte der Kleinen Fliege, ein kleine - Roman. Verlag von Gr<thlein L To, Leipzig. H73 S. 8° geh. ZN. H.—, geb. ZN. 5.—. Titelzeichnung von Hermann Struck.