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Liberales Judentum · 1916-03-01 · Heft 3-4 (März 1916) · p. Seite 42

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 3-4 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 42 (sequence 18)
Language
German
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42 Ar. Cobtenz: Religion im Felde Gottes Grüße brächte aus der fernen Heimat. Wir dürfen, solche Erlebnisse nicht gering bewerten. In ihnen steckt ein Zauber der Poesie, der den Kämpfern auf dem Schlachtfeld unendlich viel gibt: Vereinigung im Gemüte mit denen^ die daheim geblieben sind. Die liebgewordene religiöse Tradition wird zum unsichtbaren Bande, das die Fernen und die Nahen mit einander verbindet; sie weckt verklungene Erinnerungen an gemeinsame religiöse Weihestunden zu neuem Dasein wieder auf, und in mehr als einem Menschen läßt sie den Vorsatz reifen: ich will für die Zukunft festhalten, was mir die Gegenwart neu geschenkt. Indessen, so beglückend-dieses religiöse Erleben für die Kämpfer da draußen auch sein mag, Religion ist doch mehr als nur pietätvolles Festhalten an den frommen Sitten und Bräuchen der Väter — Religion ist auch persönlichkeitsgut, das nur dir und mir, dem einzelnen, gehört und nur dich und mich, den einzelnen, berührt. Ja, darin offenbart sich gerade ihre edelste Kraft, daß sie dem einzelnen etwas zu geben vermag, das ihm mehr gilt als alle Güter der Welt, einen Schatz von unvergänglichem, persönlichem Werte. Mir scheint, das innerste Wesen dieses Schatzes hat ein deutscher Gelehrter und Dichter.gar treffend in dem Gleichnis von dem Turme gezeichnet, der als Aussichtswarte auf ein hochstöckiges Haus gebaut war. Täglich stieg der Herr des Dauses da hinauf, meist des Abends nach getanem Werk oder auch des Morgens, bevor er an die Arbeit ging, und jedesmal, wenn er wieder herabkam, war er stark und froh. Denn, so sagte er, man muß täglich einmal hoch hinaufsteigen und weit hinausschauen, damit man die große Sehnsucht behält. — Ich glaube, die Wahrheit dieses Gleichnisses ist denen, die jetzt draußen im Felde stehen/ niemals so ergreifend zum Bewußtsein gekommen wie in der schweren Zeit, die jwir durchleben. Ich habe oft in diesen Monaten mit Soldaten, die aus Feindesland in die Heimat kamen, über das. religiöse Problem im Kriege gesprochen, und da bekannten mir gerade diejenigen, die früher nur selten 'im Banne religiöser Stimmungen gestanden, wie gerne sie draußen jede Gelegenheit ergriffen haben, Feldgottesdienste zu besuchen. Sie hatten das Bedürfnis, einmal all das Schwere und Furchtbare, das täglich auf sie einstürmte, hinter sich zu werfen und, wenn auch nur für Augenblicke, in einer anderen Luft zu atmen und zu leben. Wie ein Sehnsuchtshunger war es über sie gekommen. Die Sehnsucht nach dem Ewigen und Göttlichen wollte in ihnen befriedigt sein, und mancher hat mir gesagt, daß er in solchen Gottesdiensten Stunden der Weihe und der Erhebung genossen habe, die er in seinem ganzen Leben nicht wieder vergessen werde. Das hat mit Furcht und j)ietät nichts Zu tun. Es ist der Drang des Menschenherzens, der nach oben weist. Ls ist der Glaube an das Uebersinnliche, das religiöse Eigengut, das jeder einzelne von uns in seiner Seele trägt. Ich preise es als Gewinn dieses furchtbaren Krieges, daß er die verborgenen Quellen der Religion aufs neue erschlossen hat. Der Mensch hat den Weg, der zur Höhe führt, wiedergefunden. Es ist der Weg der ewigen Sehnsucht!

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