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Liberales Judentum · 1916-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1916) · p. Seite 3

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Journal
Liberales Judentum
Volume
8 (1916)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Ar Caesur-SeLigmann-Frankfurt a. M.: Deutschtum und Judentum 3 zu einer wunderbaren Harmonie zusammenschmolzen, ein Moses Mendelssohn, Gabriel Rießer, Berthold Auerbach, Hermann Cohen. was mühen wir uns mit theoretischen Behauptungen und Widerlegungen, wo das Leben allein das entscheidende Wort zu sprechen hat und längst gesprochen hat? Gibt es etwas nur in uns, was uns von unfern andersgläubigen Mitbürgern unterscheidet als die Religion? Must die Wirklichkeit des Lebens nicht Jeden, der sehen will, und vor allem uns selbst von dem tiefen unlösbaren verwachsensein unseres Ich mit dem Deutschem überzeugen? Unser überwallendes Vaterlandsgefühl, das in diesen Sturmzetten des Krieges sich -über alle Bitterkeiten der Zurücksetzung emporgerungen hat, unser lseimattzefühl auf deutscher Erde, unser Denken, unser Wollen, unser Hoffen, unser Sehnen, alle Notwendigketten unseres Lebens wurzeln im deutschen Vaterland. was fragen wir darum ängstlich nach der Meinung. derer, die ihre Meinung sich aus Vorurteil, Haßund Neid und allen bösen Instinkten derverderbten Menschennatur gebildet haben? Nichts wie diese, die nicht überzeugt sein wollen, uns einschätzen, sondern wie wir selber uns einschätzen, nicht welche Stellung Andre uns geben, sondern welche Stellung wir uns selber geben, darauf kommt es än. In dieser Selbstachttmg, die unbekümmert um grundlosen Haß den weg der Gradheit und (Gerechtigkeit geht, sei uns Deutschland ein Erzieher. Hat das deutsche Volk nicht in diesem Weltkrieg und in langsamer stiller Wühlerei schon Jahre zuvor das tausendjährige Schicksal des jüdischen Volkes erfahren? Haben sie sich nicht auch gegen Deutschland und Deutschtum zusammengerottet von Dst und West, von Süd und Nord bis zu den fernsten Inseln de's Weltmeers, um seine Ehre in Schmach zu verwandeln? Keine Verleumdung, keine Schmähung, keine Ausgeburt wildesten Hasses, kein Wahnsinn, deren sie. uns nicht beschuldigt hätten. Gab es nicht Momente, da wir als Deutsche fast an uns selber irre wurden? Da wir itt der Flut des blasses und Neides Al versinken drohten? Aber Deutschland ist unter dem Haß der Welt nicht seelisch zusammengebrochen sondern setzt der Verachtung der Völker seine große, gerechte Selbstachtung entgegen. Den aus Furcht und Neid, aus Unverstand und Dünkel erwachsenen Verleumdern räumt es nicht das Recht ein, über es zu Gericht zu sitzen. Unbekümmert um das Schmähen und Wüten schreitet es schweigsam und stolz, selbstbewußt und stark durch die Geschichte. Aber wir deutsche Juden? Nicht als Deutsche sondern als Juden! Die wir, seitdem das Christentum Weltmacht geworden, dasselbe tragische Schicksal tragen wie das deutsche Volk in diesem Kriege, horchen wir nicht angstvoll hinaus, was d,ie Zukunft uns neue Enttäuschungen bereiten wird? Spähen wir nicht furchtsam nach den Schatten der Zukunft? Tasten wir nicht voll innerer Unsicherheit nach der Meinung Anderer über uns? Zittern wir nicht vor der nach dem Krieg wieder aufflämmenden Judenfeindscha(L nachdem der Burgfriede aufgehoben sein wird? Fürchten wir deutsche Juden Gott und sonst nichts auf der Welt? Haben wir als Deutsche die stolze Selbstachttmg, als Juden den aufrechten Mut der alten Propheten und der' Makkabäerhelden? Gegen die Menschenfurcht und gegen die 'Zukunftsfurcht und gegen die Feindschafts- - furcht, gegen diese ganze Lebensfurcht, die vor lauter Horchen und Sorgen und Spähen . und Tasten, die vor lauter „in der Meinung Anderer leben" nicht zur Unbefangenheit des eigenen Selbst, nicht zur Selbstverständlichkeit unseres Seins, fo wie wir sind, kommen läßt, gegen dieses Irrewerden am eigenen Wert müssen wir uns, um unserer inneren Aufrecht-

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