Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- Seite 70 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Aus Feldpostbriefen 0 o o o nebst sehr zahlreicher Familie, dabei aber ein sehr gescheiter, gutherziger lieber Mensch, ebenso wie seine Frau; letzterer Gutsbesitzer und Pächter von ca. 4000 Morgen, ein Gentleman, ein soz. Moderner, wie Lserr K. sagte (Erinnerungen an „j)ojaz"), dessen Familie zwar fromm, d. h. rituell lebte, aber doch weniger von Judentum wußte, wie ich selbst — so ineinte «Herr K. —, was sich z. B. schon darin äußerte, daß seine Familie im Gegensätze zu K.'s sehr schlecht deutsch verstand und nur ungarisch sprach; denn das ist das Interessante, hier wie in f)olen sich Gleichbleibende: Deutsch ist die Sprache der Juden, und das geht soweit, daß die übrige Bevölkerung jeden einzelnen Deutschsprechenden, also auch alle unsere Soldaten, für Juden hielt. Mit beiden Familien habe ich sehr herzlich sympathisiert, weil es außerdem die einzigen Menschen im Dorfe waren, und zwar Menschen, mit denen man sich vernünftig über alles unterhalten konnte, und sie mußten mir beide versprechen, mich in Breslau aufzusuchen, und Herr K. nebst Frau verlangten außerdem des öfteren Nachrichten von mir. Mir waren bei ihnen Kinder im krause. Ganz abgesehen von dem gemeinsamen Boden der Iüdischkeit liebten sie uns als Deutsche, d. h. als die ersehnten und begrüßten Befreier ihres Landes, das von den damals bereits über die Karpathen vorgedrungenen Russen bedroht war. Diese Juden sind glühende Verehrer unseres Kaisers (Vilmos csasar) und natürlich echte Patrioten ihres eigenen Landes Ungarns. Ein Beispiel für die kluge Güte des Herrn K., der, wie gesagt, als Erwählter Resxektperson im Dorfe ist und sein Iiches noch über seinen Erwerb stellt: K. sagt zum katholischen Geistlichen, er verzichte auf das Einauartierungsgeld zu Gunsten der Kirche, worauf die anderen, katholischen, Bewohner natürlich nicht anders können als dasselbe tun. wenn die Summe auch klein war, so war es immer doch ein Zeichen von Dpferisinn und als sichtbares Zeichen von paritätischem Empfinden ein Akt der Klugheit. Ueberhaupt leben die ungarischen Juden politisch gleichberechtigt und anerkannt neben und mit ihren katholischen Mitbürgern zusammen, wenn natürlich auch hier und da Antisemitisches sich regt, was in Gesterreich- Ungarn, dem Lande der Parteiungen, als nichts so besonderes auffällt, wie bei uns in Deutschland. .... So unwahrscheinlich das klingen mag, ist es doch wahrscheinlich, daß wir von hier wieder in einigen Tagen verladen werden. Mir ist alles recht, wenns nur vorwärts geht. Dann war Ungarn doch jedenfalls ein sehr interessanter Zwischenakt, wieder einmal ein ganz neuer Film. Denn daß kleine Kinder, fast Neugeborene, in jedem Hause übrigens mindestens eins, in der Krippe schlafen, kleine Schweinchen und und anderes Getier, um das neutestamentliche Bild zu vervollständigen, in der Stube mitwvhnen, das Kind beim Baden in eine Fleischermulde voll Wasser in Sachen hineingelegt und dann in seine Kissen gehüllt und zum Trocknen auf den Herd des Dauses niedergelegt wird, was einen wahrhaft kindlichen Geruch verbreitet, sind alles Dinge, die zum mindesten neu sind, und einen Ausflug zu den k. k. Bundesbrüdern — zumal auf Staatskosten — schon lohnen. Man lebt hier völlig sorglos. Am liebsten fülle ich meine freie Zeit mit Lesen aus, und ich freute mich daher gestern unheimlich, als ich Seite 113 bis Ende des ersten Bandes der Memoiren Napoleons von M. erhielt, wenn auch der Anfang fehlt, werde ich mich bald darüber hermachen. Ich habe noch etwas sehr wichtiges hier zu erledigen: Eine Geige zu probieren. Natürlich gibts hier überall solche Kästen, die besagte aber stammt von Zigeunern und zwar von ganz richtigen — waschechten wäre deplaciert, und da muß ich mal sehen, ob sich's lohnt. Ich bitte, schickt mir doch recht bald etwas sehr gute Lektüre: Moltkes oder Bismarcks Erinnerungen oder etwas ganz neues. Diese geistige Auffrischung ist fast notwendiger als die körperliche, aber bitte nur Reklam, wenn möglich. Für die beiden ungarischen Wörterbücher und die pünktlich eintreffenden Zeitungen herzlichen Dank. Diese sind meine einzige gute Unterhaltung hier neben Hebbels Tagebuch, das ich mir neulich in Kisvarda kaufte und genoß. Euer dankbarer Sohn K.