Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 7/8 (1915)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Ar. Salzbrrger: Aus meinem Kriegstagebuch III. durch. Den historischen Zusammenhang hat er nie verloren, die Reformgemeinde war für ihn eine Stufe dieser Entwicklung. Er hatte im jugendlichen Alter zunächst in Zürichdann lange Jahre hindurch in Nürnberg als Rabbiner gewirkt, wo ihn innige Freundschaft mit dem Gemeinde-Vorsteher Josephthal, welcher ihm vor wenigen Monaten im Tode voranging, verband. Glanzpunkte seines Aufenthalts waren es, als er dort bei dem ersten Sedan fest im Rathause der alten Reichsstadt die Festrede hielt und später, als er den Erben des neuerstandenen Reichs, den nachmaligen Kaiser Friedrich in der neugebauten schönen Synagoge empfangen durfte. Nachdem Levin sein dortiges Arnt aufgegeben hatte, verweilte er in Spanien, um die Glanzzeit der Sephärdim zu studieren. Bei seiner Rückkehr nach Deutschland fand er Ln der Reform eine verständnisvolle und ihn verehrende Gemeinde. Außer seinen j)redigtsammlungen (Harfe und Posaune) und seinen weitverbreiteten Lehrbüchern hat er auch einige Bände tief empfundener Dichtungen (Bar - Tochba, Jberia) hinterlassen. Seine Schriften werden eine geistige Fundgrube bilden, nicht nur für die Jünger jüdischer Wissenschaft. Die Ranzelberedsamkeit war seine Hauptstärke. Seine Rede war klar und durchsichtig wie ein Bergquell; so war auch seine Seele lauter und ohne Falsch. Aus meinem Kriegstagebuch. Von Rabbiner Dr. Salzberger-frankfurt a. Ul. III. Seelsorge im Fiel de. ines Abends holten mich Kameraden zur Beobachtung eines Nachtgefechtes. Das ist ja das Eigentümliche des neuzeitlichen Kampfes, daß am Tage in der Regel nur das Ghr ihn wahrnimmt, während der Zuschauer weit und breit keinen Menschen, kein Geschütz erblickt. Erst die Nacht, die alles verschleiernde, enthüllt auch dem Auge ihr furchtbares Geheimnis. Jm Dunkel gingen wir die Landstraße hinaus, jedeL Licht würde zum gefährlichen Verräter werden. Nur der Doppelposten, den wir passieren mußten, leuchtete uns mit seiner Laterne flüchtig ins Gesicht. Das Gefecht konnte nur wenige tausend Meter entfernt sein; kaum hatten wir eine Anhöhe des Weges erreicht, so hörten wir deutlich kurz nach ' einander Abschuß und Einschlag der Granaten, mit dem Schnellfeuer der Infanterie und dem Knattern der Maschinengewehre wechselnd. Das bedeutete Sturm. Jetzt tobte eine Artilleriesalve über's Feld, kam sie von deutscher, kam sie von französischer Seite? Ein wenig weiter, und wir sahen es aufblitzen, bald hier, bald dort, und gleich darauf erfolgte ein dröhnender Knall. Mit einem Mal wurde es still und ein großer strahlender Stern stieg kerzengerade aus der Ebene empor, blieb sekundenlang stehen und erlosch. Dann aber krachte es von allen Seiten, als hätte die Hölle sich aufgetan, wie Riesenfackeln flammten am Horizonte brennende Dörfer auf, und gespenstisch huschle über den nächtlichen Fimmel das Licht eines Scheinwerfers. Wir sprachen nur wenig auf dem Heimweg. Jeder hing seinen Gedanken nach, und es wären in uns allen wohl die gleichen, wie schaurig mußte ein Nahkampf in der Nacht sein, die den ohnedies aufs höchste gespannten Sinnen hun-