Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 6 (1914)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- Seite 213 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126546-3126556--1857-3128686- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o o o o 213 Aus einem Feldpostbrief. während die östlichen Provinzen noch unter den Greueln des Krieges böse zu leiden butten, viele £jaH>T und Gut und Heimat verloren. Von ihrem Standpunkt aus konnte ich ihnen nicht Unrecht geben, wenn ich auch daraus hinwies, daß die lärmenden Straßenszenen nichts gemein hätten mit dem ernst häkelnden Berliner in seiner großen Mehrzahl. Mie habe ich selbst mm den Urlaub verlebt? Nur wenige, zu denen wir zwei von unserer Kompagnie gehörten, hatten es erreicht, schon am Sonnabend Abend fahren zu dürfen, während die anderen erst am Sonntag Mittag kamen. Um s/kU Uhr kamen wir in Königsberg an, durchstreiften noch ein wenig die Straßen der immer noch belebten Stadt und gingen dann in ein kleines Sotel. „Eigner HeiD, Goldes wert", ein eigenes Bett, na, überhaupt himmlisch schön, und am anderen Morgen bis 8 Uhr schlafen können und dann eim richtiges warmes Mannenbad und Frühstück mit der neuen Ulorgenzeitung, so ungefähr eine halbe Stunde lang, na also, ich konnte dies immer nur in einem Mort ausdrücken: „Mensch! Mirklich wieder einmal Mensch sein!" Dann ging mein Kamerad zu seinen verwandten, ich selbst zu Frau Rabbiner Dr. v. Diese bedauerte, daß sie bis zur letzten Minute rächt erfahren konnten, ob resp. wie viele und wann wir kämen, da sonst alles hätte besser eingerichtet werden können, aber es wäre trotzdem Vorsorge getroffen, daß wir in einem jüdischen Lsotel auf Kosten der Gemeinde Sonntag Abend und Montag Mittag koscher verpflegt werden könnten. So hatte ich mir die Sache nicht vorgestellt und so war es nicht nach meinem Geschmack, aber ich erfaßte sofort den Nachdruck auf dem Morte „koscher". „Gnädige Frau, darauf lege ich und ich glaube auch meine Kameraden keinen Mert." „Nun, dann kann ich Sie auch anders unterbringen, eine Familie würde sich freuen, zwei Herren einladen zu können." Aha, das war schon etwas ande-? res. Ich nahm dankend an und versprach noch einem Kameraden, den ich mir.-nun natürlich nach meinem Geschmack auswählte, die Einladung zu überbringen. Ich sah mir dann die Stadt an, die eroberten Geschütze, besuchte die Lazarette und holte vom Miltagszuge einen Berliner Kaufmann ab, mit dem ich dann um ^45 Uhr bei .... Besuch machte. Reizende, gebildete und gediegene Leute, der Mann Kaufmann, und wie!wir später erfuhren, Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde. Mir gingen dann zusammen zur Synagoge. Die Unterhaltung war angeregt und der Abend ein wirklicher Genuß. Andern Tags trafen wir uns in der Synagoge, die um \2 Uhr aus war und gingen dann um 142 Uhr zu Tisch zu ihnen. Es waren zwei Tage, wie ich sie mir unter den gegebenen Verhältnissen nicht schöner und besser denken und wünschen konnte. Noch zwei Momente möchte ich festhalten. Ein ganz junger Krieger, der auf dem Arm seines Vaters mühsam in die Synagoge gehumpelt kam, ich glaube, kein Auge war trocken geblieben. Und dann, gerade als wir aus der Synagoge kamen, zog dort ein Bataillon des aktiven Infanterie- Regiments . . vorüber, oder richtiger gesagt, die Ueberbleibsel des Bataillons; man sah ihnen die überstandenen Strapazen an, durchschossene und fehlende Helme und Tornister,' durchlöcherte Röcke und zerrissene Hosen. Da erschallt es laut und deutlich aus der Marschkolonne heraus ohne falsche Scham oder Verleugnung: „Leschono tauwo!" Der hatte keinen Feiertag. Ich ging eine Strecke Meges mit ihnen. Sie hatten schon Lüttich und Namur mitgemacht, waren dann hier oben im Felde gewesen, sollten jetzt in Königsberg aufgefüllt und in Stand gesetzt werden, und kommen dann nach Russisch-Aolen. Mer von denen nach Sause kommt, hat unvergeßliche Lebenserinnerungen....